Posts mit dem Label Schreiben werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Schreiben werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 12. Juli 2013

Entsorgungsarbeiten

Endlich, es ist da! Das neue Buch! Die Freude über die schwere Kiste, frei Haus von der Post angeliefert, ist noch ganz frisch. Die Autorenexemplare werden schon weniger, werden eifrig weitergereicht an Presse, Testleser, Büchermenschen. Was bleibt, ist das Aufräumen all der Restbestände, die sich bei der Arbeit an einem Roman so ansammeln.
Notizblätter werden zerknüllt und weggeworfen, Ausdruck der frühen Versionen geschreddert, Dateien, die sich erübrigt haben, landen im digitalen Papierkorb. Doch halt - einmal, nur ein einziges Mal, möchte ich ein paar von den Notizen, handschriftlichen Kommentaren und Merkzetteln ablichten. Fürs schriftstellerische Archiv, sozusagen.

aus EINS
mach ZWEI



Freitag, 10. Mai 2013

Retrospektive

Was eine anständige Retrospektive ist? Hm, vermutlich mehr als ein Koffer voller Bücher. Doch allen dieser Koffer, und dann noch mit Büchern drin!
Die letzten 12 Monate haben mir viele schöne und erfolgreiche Projekte beschert. Ich freue mich drüber und rüste mich für sämtliche Buchpräsentationen und Lesungen aus dem neuen Roman, der Anfang Juli erscheint. Mehr Infos demnächst hier.


Donnerstag, 11. April 2013

Rückzugsorte für Autoren

zum Beispiel hier:
Dorf am See Copyright FS

Mittwoch, 6. März 2013

Ein Roman in einer Nacht

Ein Roman, der von Anfang bis Ende in einer einzigen Nacht hervorbricht ... kann es so etwas geben?
Ehrlich gesagt, ich bin mir nicht sicher. In groben Zügen vielleicht schon. Und manchmal reicht ein ganz grober Zug, um einen Krimi, einen Roman zu skizzieren. Letztlich geht es ja immer um einen Konflikt, der ein Buch lang trägt, bis er sich auf der letzten Seite auflöst. Einen solchen Konflikt kreieren Autoren v.a. durch das Hervorrufen von Widersprüchen, deren Auflösung eine gute Weile braucht, viele Opfer erfordert, die eine oder andere Katastrophe hervorruft, wodurch wiederum eine erkleckliche Anzahl Figuren beeinflusst werden. Wie das richtige Leben?
Möglich. Das richtige Leben kennt jedoch keine Auflösung, wie sie im literarischen Leben anklingt. Der dramatische Stoff sorgt dafür, dass sämtliche durch den Text ausgelöste Emotionen beim Leser am Schluss in eine große Erfüllung gebunden werden. Dadurch wird das Innenleben des Lesers gereinigt. Wir heulen oder fühlen uns rundum zufrieden. Oder beides. Läuterung durch einen Roman.
Um einen starken Konflikt zu erschaffen, der die Figuren (selbstverständlich solche, mit denen wir uns identifizieren) einen Roman lang auf Trab hält, braucht man manchmal nicht länger als ein paar Stunden. Mitunter reicht ein Geistesblitz. Aber das magere Gerüst des Widerspruchs zwischen dem einen, unbedingten Wunsch des Protagonisten und seiner zunächst nicht sehr kooperativen Wirklichkeit mit Material anzufüttern - das dauert.
Also entsteht allenfalls die Idee in einer Nacht. Die Vorstellung einer Figur, deren Schatten sich aus dem Dunkel schält. Die Konturen von Konflikten, die der eine zentrale Widerspruch hervorrufen wird. Aber dann wird es hart, denn die Auflösung, der Weg aus der Krise, muss schon angelegt sein, ohne dass der Leser ihn noch bemerkt. Verwicklungen sollten, bevor sie ausgelegt werden, auch schon entwirrt sein. Und da sind dann schließlich die vielen feinen Details, das Fleisch an den Knochen, das uns Autoren auch eine Menge Spaß macht. Der Roman in einer Nacht ist eine Skizze, eine Wegbeschreibung, ein erster Absatz, dessen Essenz ziemlich stark sein kann. Und auf alle Fälle der Anfang, dem der Zauber des Schreibens innewohnt.

Donnerstag, 10. Januar 2013

Alles, was Sie über den Spannungsbogen wissen müssen

Der Spannungsbogen - ein Begriff aus dem Deutschunterricht? Aus einem der vielen Ratgeber rund ums schreiben? Eine dunkle Erinnerung an Schulaufsätze?
Der Spannungsbogen ist kein Geheimnis. Er ist eine höchst einfache, hilfreiche Technik, einen Plot zu strukturieren. Diese Struktur ist die Voraussetzung dafür, dass Leser am Ball bleiben, weil in dem Buch wirklich etwas passiert. Es gibt eine Handlung, Veränderungen, Aufs und Abs. Es gibt Herausforderungen, Leute scheitern, siegen, scheitern, siegen. Das macht einen Roman oder eine Kurzgeschichte interessant. Der Spannungsbogen ermöglicht dem Autor, seine Story zu planen und anschließend mit Leben zu füllen.


Der Startpunkt einer Figur liegt in ihrem alten Leben. In ihrem Status Quo. Da, wo sie sich in ihren Routinen eingerichtet hat. Die Routinen werden durch das auslösende Ereignis empfindlich gestört. Manche nennen diese Störung auch "die Bombe" (etwa John Vorhaus in Creativity Rules). Die Bombe geht hoch und ändert alles. Sie katapultiert den Protagonisten in eine neue Welt. Selbstverständlich eine, die ihm so lange feindlich gesinnt ist, bis er es schafft, seine Aufgabe, die das auslösende Ereignis ihm stellt, zu erfüllen.
Ab jetzt steigt die Spannung. Jede Szene wird dramatischer, gefährlicher, herausfordernder. Informationen kommen hinzu, neue Figuren, Mitspieler, Gegenspieler. Die Felder werden abgesteckt.
Sobald die Geschichte ihren Mittelpunkt erreicht, kommt es darauf an: Der Protagonist muss jetzt zeigen, was in ihm steckt, ansonsten ist es zu spät. Er wird scheitern. Manche Figuren scheitern eben. Das ist der Reiz der Literatur.
Zwischen dem Zeitpunkt, an dem die Bombe hochgeht, und dem Zeitpunkt, an dem es auf den Höhepunkt zugeht, liegen die sogenannten Plot Points (Terminus von Christopher Keane). Es sind gute Stellen, an denen der Autor seiner Hauptfigur zusätzliche Knüppel zwischen die Beine werfen kann. Plot Points sind Hindernisse. Brutale Herausforderungen.
Dann der Höhepunkt: Hier steht die Figur ihrer größten Angst gegenüber, ihrer größten Aufgabe, schlicht: Sie steht am Abgrund. Hier muss sie sich wandeln, den Schalter umlegen, den Widerstand aufgeben, den Mörder stellen. Sie tritt damit einen Schritt über den Abgrund hinweg, damit die Auflösung erfolgen kann.
Und damit ist die Geschichte zu Ende ... und wenn sie nicht gestorben sind ... dann wissen sie jetzt mehr über den Spannungsbogen.

Dienstag, 16. Oktober 2012

Geister

Es ist eine gute Übung. Einfach mal loslegen. Du gibst dir ein Thema und legst los. Und schreibst über ... Geister.
Warum? Weil es trainiert. Es trainiert den Schreibmuskel und hält den inneren Schweinehund unter Kontrolle. Den, der schon in der Schule gemufft hat: "Dazu fällt mir aber nichts ein."
Dazu fällt dir nichts ein? Gibt's nicht. Du bist jetzt eine Professionelle. Du kannst es, das Schreiben. Es ist dein Handwerk. Dir wird etwas einfallen.
Die meisten Anfänger glauben, sie müssten schon etwas im Hinterkopf haben, was sie schreiben wollen. Sie setzen sich überhaupt erst an den Computer, wenn sie schon genau wissen, wo es langgehen soll.
Das ist eine Möglichkeit.
Eine andere Möglichkeit ist es, nur mit einer Idee loszulegen. Denn Geschichten wachsen aus Ideen, nicht aus Plänen. Sie meinen, ich hätte mal was anderes behauptet? Naja, auf Lesungen werde ich immer wieder gefragt, wie man denn so einen Krimi schreibt. Und dann sage ich natürlich die Wahrheit: dass man den Plot schon im Kopf haben muss, bevor man die erste Zeile schreibt, denn nachher muss ja alles zusammenfinden. Logo.
Aber hier schreibe ich über die Vorphase. Das Propädeutikum. Oder besser - über die Geister in meinem Kopf, die schon lange herumspuken mit Ideen, Fetzen von Titeln, Halbsätzen, angekokelten Bildchen und brüchigen Lebensläufen diverser Figuren. Die Geister sind es, die mich überhaupt dazu bringen, mit einer neuen Idee anzufangen. Und nebenbei: Auch den Plot eines Krimis habe ich natürlich schriftlich niedergelegt, als Rohfassung, bevor ich mit dem eigentlichen Roman beginne.
Auf einem Workshop sagte mal eine Teilnehmerin, wenn sie so im Auto zu ihrer Arbeitsstelle pendelt, dann würden ihr x Ideen kommen, was sie mal schreiben wollte. Aber wenn sie dann zu Hause ist und den Stift in die Hand nimmt, dann fällt ihr plötzlich nichts mehr ein und das, was eben noch so geschmeidig durch ihren Kopf glitt, ist weg.
Das waren die Geister. Sie sind körperlose Strolche und machen sich einen Spaß daraus, Autoren zu dratzen. Sie gaukeln uns Geschichten vor, wo noch gar keine sind. Weil nämlich wir Autoren die Geschichten machen. Nicht die Geister machen sie. In der Vorphase ist es also unsere Aufgabe, die spukenden Gesellen festzusetzen. Haben Sie schon mal einen Geist gefangen? Genau, es ist sozusagen ein Ding der Unmöglichkeit. Es funktioniert nur - schreibend.
Manche meinen, das Schreiben ist immer die letzte Phase des Produzierens. Aber dem ist nicht so. Bei den meisten Professionellen begleitet das Schreiben an sich (als Bewegung, als vertrautes Ritual, als Versicherung, dass die Welt noch da ist) jede Entwicklung einer neuen Geschichte. Sei es Roman, Kurzgeschichte oder Gedicht. Sobald wir schreiben, sind wir auf vertrautem Terrain. Wir kennen uns aus mit Sätzen und Wörtern. Wir spielen auf der Klaviatur der Sprache, und halten die Geister in den Melodien fest.
Es gibt viele Techniken, wie man so was macht. Das Sudelbuch - meine Lieblingsversion. Etwas elaborierter ist der Tipp, sich drei Fächer anzulegen. In Fach eins liegen die Notizen zu Ideen, also sozusagen niedergeschriebene Geister, in Fach zwei die Notizen zu den Ideen, die wir schon genauer bearbeiten, und in Fach drei die Texte, die definitiv etwas werden.
Alles ist möglich - solange wir schreiben.
Und jetzt habe ich einen ganzen Post über Geister geschrieben. Obwohl ich vorher keine Ahnung hatte, was das werden soll. Ernsthaft.

Dienstag, 18. September 2012

Ideenmanagement

Sollte es auf diesem Blog mal eine Rubrik "FAQ" geben, so würde dort zuallererst folgende Frage auftauchen: "Wo haben Sie eigentlich Ihre Ideen her?" Das fragen die meisten. Auf Lesungen oder Signierstunden oder manchmal auf dem Bauernmarkt, wenn ich einen Leser treffe.

Beantworten könnte ich die Frage vermutlich nicht. Nein, unmöglich. Denn wo die Ideen herkommen, das ist ein großes Geheimnis, womöglich das Geheimnis des Schreibens und aller kreativer Arbeit überhaupt.
Ideen sind unberechenbare Geschenke aus einer Zwischenwelt der Fantasie. Man kann sie nicht machen, herbeibitten oder sie gar einplanen. Sie erscheinen wie mitternächtliche Geister, treiben vorbei wie Holz in einem schmutzigen Strom. Man kann sie weder vorhersehen noch festhalten. Einige von ihnen sind reiner Dunst: Selbst ein beherzter Zugriff hilft nicht, um sie dingfest zu machen.
Eines jedoch kann man mit ihnen tun: Man kann sie aufschreiben. Und zwar sofort. Jetzt. Im Aufzug, im Bett, beim Einkaufen. Zugegeben, während des Duschens und beim Autofahren ist es eine gewisse Herausforderung, einen Einfall sofort festzuhalten, aber man kann es machen. Wozu gibt es Parkplätze, Diktiergeräte und sonstiges modernes Equipment.
Doch mit dem Notieren ist es nicht getan. Ideen wollen gemanagt werden. Nicht alle Ideen tragen für einen Roman. Manche tragen vielleicht eine Kurzgeschichte oder ein Gedicht. Andere brauchen ein bisschen Pflege, wollen eine Nachbereitung (schriftlich!) oder ein wenig Spintisiererei bei einem Glas Wein.
Wenn ich meine Einfälle also eine Weile gepflegt habe, klappe ich das Notizbuch wieder zu. Bis der nächste Ideenschub über mich herfällt.
Alle zwei Monate etwa öffne ich das Buch der Einfälle aus einem anderen Grund: um zu sortieren. Ganz nüchtern und ergebnisfixiert gehe ich durch meine Listen. Ich streiche, was nichts taugt, und markiere, was ich wirklich gut finde. Dann unterstreiche ich die Idee, mit der ich als nächstes arbeiten werde.
Eine dumme Überschrift: "Ideenmanagement". Aber jetzt wissen Sie ja, was ich damit meine.

Sonntag, 29. Juli 2012

Kürzen und killen - Arbeit am eigenen Text

Stephen King schreibt in seinem Buch »Das Leben und das Schreiben« (München 2002), dass er sich zwingt, nach dem Beenden der Rohfassung eines Werkes 10% zu kürzen.
Ein weiser Rat. Ich befolge ihn sklavisch. Berechne mit der Funktion »Wörter zählen« im Menü »Extras«, aus wie vielen Zeichen mein Werk besteht, und kürze dann 10% raus. Der Punkt ist, dass es immer noch etwas Überflüssiges in jedem Text gibt, und die Kunst besteht darin, das Überflüssige zu finden und zu löschen. Ein Adjektiv zu viel? Ein Adverb, das keine neue Information zum Text hinzufügt? Ein Abschnitt, der meiner Eitelkeit dient, weil ich zu einem Thema so viel recherchiert habe? Raus damit. Schon Mark Twain sagte: »Wenn Sie irgendwo ein Adjektiv sehen, töten Sie es.« Einer Krimiautorin sollte das nicht schwer fallen.
Die echte Autorenkorrektur, ich nenne sie auch »Redaktion«, besteht aber aus weit mehr Anforderungen als nur aus der Qual der Kürze. Jedoch ist genau die Kürze das Problem vieler Anfänger: Sie können sich nicht trennen von ihren Satzmonstern, ausgefeilten Synonymen und komplexen Konstruktionen. Deshalb empfehlen manche Kreativ-Schreiben-Dozenten, die Erstfassung möglichst knapp zu halten. Man wird dann nicht melancholisch, wenn man kürzen muss, sondern darf im Gegenteil noch etwas hinzufügen.
Bei mir ist es umgekehrt. Ich kürze gern. Ich schmeiße auch gerne weg. Ausmisten macht mir Spaß. Habe ich mich innerlich von Gegenständen und den Lebensabschnitten, die jene repräsentieren, getrennt, will ich sie auch loswerden. Daher macht mir das Kürzen und Killen Freude.
Doch, wie gesagt, die Arbeit am eigenen Text, wenn der erste Schrott einmal aufs Papier gekippt ist, stellt noch mehr Anforderung. Hauptsächlich die Anforderung der Schärfens.
Beim Korrekturlesen frage ich mich erstens: Worin steckt in diesem Text die meiste Kraft? Liegt sie in der Hauptfigur? Ist diese mutig, schlagfertig, traumatisiert? Dann mache ich sie noch mutiger, noch schlagfertiger, noch traumatisierter. Ein einziges, dramatisches Detail im Vorleben einer Figur ist wichtiger als ein ganzer Rattenschwanz von Erfahrungen, der diese Figur beeinflusst hat. Deshalb: Rattenschwänze abschneiden und das eine Detail herausarbeiten.
Zweitens interessiert mich, ob meine Figuren wirklich Individuen sind oder Abziehbilder von Klischees, wie sie uns in allzu vielen Filmen und Büchern begegnen. Natürlich beurteilen meine Leser am besten, wie lebendig die Protagonisten ihnen erscheinen, aber als allererste bin ich nun einmal an der Reihe, die Mitspieler auf Individualität zu testen. Ich frage mich: Ist meine Figur ausreichend stark motiviert, ihr Ziel zu erreichen? Ist sie dabei, ihre eigene Lösung herbeizuführen? Tut Sie etwas Überraschendes? Ist das der Fall, ist die Arbeit am Text unter diesem Aspekt schnell beendet.
Drittens spricht eine gute Geschichte die Sinne an. Lieber mehr Sinnlichkeit als zuviel Intellekt. Ich will nicht schreiben, dass jemand undankbar ist, ich will es zeigen. Ich will die Enttäuschung desjenigen fühlbar machen, der sich mit der Undankbarkeit eines anderen auseinandersetzt. Ist mir das geglückt? Dann o.k.
Viertens: Sinnlichkeit wird besonders durch Einzelheiten ausgelöst. Details sind wichtig. Wenige Details reichen aus, aber sie müssen stark und farbig sein.
Fünftens: Die wichtigen, die entscheidenden Momente der Geschichte sollten im Gespräch der Figuren untereinander hörbar gemacht werden. Eine typische Überarbeitungsform ist es, eine erzählerische Passage in eine dialogisch umzuarbeiten.
Auf geht’s:
Nehmen Sie sich einen Text vor, den sie vor kurzem geschrieben haben.
Finden Sie heraus, worin die meiste Kraft liegt.
Was könnten Sie umgestalten, um diese Kraft hervorzuheben? Braucht Ihre Protagonistin noch eine weitere, alles entscheidende Eigenschaft? Ist sie zu schüchtern, zu vorsichtig? Ändern Sie das!
Sprechen Ihre Figuren zuviel? Streichen Sie Ihre Dialog auf ein Minimum zusammen. Lassen Sie nur das übrig, was am allernotwendigsten ist, damit die Geschichte funktioniert.
Streichen Sie alle Adjektive in Ihrem Text. Dies nur zur Übung! Sie dürfen danach gerne wieder ein paar einstreuen, aber nur dort, wo das Adjektiv eine wichtige Information rüberbringt.
Werfen Sie alles raus, was nur im Entferntesten nach Klischee klingt.

Donnerstag, 31. Mai 2012

Triste Verabredungen - wie sprechen literarische Figuren?

Die New Yorker Autorin Allison Amend findet, dass Verabredungen und Literatur eine Menge gemeinsam haben. Gute Verabredungen zeichnen sich durch gute Gespräche aus, und auch, wenn es Ausnahmen von dieser Regel gibt, finden die meisten von uns es ganz schrecklich, sich in der Kneipe über einem Teller mit Currywurst anzuschweigen.
Umgekehrt gilt, dass gute Dialoge gute Storys ausmachen. Denn in Dialogen zeigen die Figuren, wer sie wirklich sind. Wir bekommen es als Leser nicht erzählt – wir erleben die Figuren, hören und sehen ihnen zu, als wären wir dabei!
Dialogszenen ziehen die Aufmerksamkeit der Leser auf sich. Gute Dialoge sind solche, in denen etwas passiert: Leute fetzen sich, gestehen einander ihre Liebe oder ringen um das Sorgerecht für die Kinder. Wir lauschen alle gerne! Deswegen eignen sich Dialoge auch besonders für die essentiellen Teile einer Geschichte, für jene Abschnitte, in denen es richtig zur Sache geht. Für die dramatischen Abschnitte eben.
Ein typischer Anfängerfehler beim Verfassen von Dialogen besteht darin, reale Gespräche aufzuschreiben. Doch in Romanen oder Erzählungen wollen wir keine Gespräche der Art hören, wie wir sie täglich im Bus oder vor dem Kaffeeautomaten um die Ohren geschlagen bekommen. Denn normalerweise sind ‚echte’ Gespräche viel zu langatmig, zäh, eintönig und manchmal sogar unverständlich. Dafür haben Autoren in einem Buch weder Platz noch Zeit. Ein Beispiel. Walter und Margit treffen sich am Bahnhof.
Hallo Walter.
Ach, servus ...
Willst du auch zum Regionalexpress um 8 Uhr 5?
Wie? Äh, ja, ich glaube ...
Setzen wir uns zusammen?
Klar ...
Ich wollte ich ohnehin schon länger mal ... du kennst dich doch mit Computern aus?
Du ... ich kaufe mir noch was zu essen.
Ja.
Soll ich dir was mitbringen?
Nee ... oder doch, vielleicht ein Hörnchen. Oder ...
Ja?
Nee, ich nehme doch nichts.
O.k. Du, hast du Kleingeld, kannst du wechseln?
Kleingeld? Nö ... oder ... warte mal, doch, ich habe doch vorhin ...
Wer möchte sowas schon lesen!
Der literarische Dialog imitiert die Wirklichkeit. Mehr noch: Er erzeugt die Illusion, es handele sich um ein reales Gespräch. Daher ruft der Dialog in einem Roman oder einer Erzählung mehr Wirkung hervor als eine Unterhaltung im wirklichen Leben. Er zeigt in verdichteter Form um ein Vielfaches mehr vom Wesentlichen, was in den beteiligten Menschen vorgeht! Walter und Margit könnten am Bahnhof auch folgenden Dialog führen:
Hallo Walter! Willst du auch zum Zug um 8 Uhr 5? Wollen wir uns zusammensetzen?
Geht klar. Ich hole mir noch was zum Essen.
Ich besetze uns einen Platz. Ich wollte dich schon länger was zum Thema Computer fragen. Du kennst dich doch aus?
Schon besser. Hier wird klar, was die Figuren wollen.
In der Schule wurde uns beigebracht, dass man nicht immer »sagte er«, »sagte sie« schreiben solle, sondern Synonyme (also bedeutungsähnliche Wörter) verwenden müsse. »Rief, schrie, brüllte, stammelte, keuchte er«.
Tatsache ist: Wir haben in der Schule ja nicht gelernt, gute Geschichten zu schreiben. Vielmehr galt das Augenmerk unserer Lehrer der Wortschatzerweiterung.
In einem Roman stören zu viele Synonyme. Wird immerzu gestottert, gejapst, geschnaubt und gebrüllt, nutzen sich die Ausdrücke rasch ab und wirken künstlich. Für den Anfang tut es das gute, alte »sagen«. Im Übrigen haben wir auch die Möglichkeit, szenische Beschreibungen einfließen zu lassen und auf redebegleitende Verben des Sagens zu verzichten:
»Bring mir bitte ein Hörnchen mit.« Margit zählte zwei Euro aus ihrer Geldbörse.
Zu guter Letzt: Jeder Mensch spricht anders. Die Art, wie wir sprechen, uns in ein Gespräch einschalten oder uns aus einer Unterhaltung stehlen, sagt etwas darüber aus, wer wir sind. Ein guter Autor arbeitet diese Eigenheiten heraus. Als Leser hören wir dann, ob eine Figur verstimmt ist, ungeduldig oder einfach nur müde. Wir bekommen ganz automatisch mit, ob zwei Personen streiten oder flirten – das hören wir aus dem Dialog selbst, wenn er gut ist. Wir müssen es nicht erzählt bekommen!
Auf geht’s:
Setzen Sie sich in ein beliebiges Café oder fahren Sie Bus, Tram, Zug. Halten Sie eine neue Seite im Sudelbuch und einen Stift bereit.
Versuchen Sie, eine Unterhaltung von Menschen in Ihrer Nähe mitzuschreiben.
Als nächstes überarbeiten Sie: Worum ging es in dem Dialog? Welche Intentionen hatten die Gesprächspartner? In welcher Stimmung befanden sie sich?
Nun dürfen Sie sich fröhlich austoben: Schreiben Sie einen Dialog, der sich an dem Gespräch, das Sie belauscht haben, orientieren kann, aber nicht muss.
Literarische Figuren zeigen im Dialog, wer sie sind. Folgende Eckdaten begleiten die nächste Übung: Monika ist eine spießige, ein wenig versnobbte Juraprofessorin mit klaren, konservativen Ansichten. Auf der Fahrt zu einer angesehenen Universität, wo sie sich um einen Lehrstuhl bewerben will, hat ihr Mercedes eine Panne. Sie ruft den Abschleppdienst und begegnet Hiltrud, der Frau des Mechanikers, die Monika in ihre Küche zu einem Tee einlädt, bis der Wagen repariert ist. Hiltrud ist Hausfrau, schneidet gerne die Rezeptvorschläge aus der Tageszeitung aus und klebt sie in ein Notizbuch. Sie freut sich, jemanden zum Reden zu haben, aber Monika ist nervös wegen des Vortrags, den sie an der fremden Universität halten muss. Außerdem kann sie nicht mit Leuten wie Hiltrud. Allerdings will Monika die andere Frau auch nicht vergnatzen, da sie auf deren Hilfe angewiesen ist. Schreiben Sie den Dialog zwischen den beiden Frauen. Sie können szenische Elemente einfließen lassen.

Donnerstag, 17. Mai 2012

In der Brennkammer - wie ein Plot entsteht

In der Schule haben wir im Deutschunterricht die Handlung eines Romans durchgekaut. Handlung, das war das, was die Figuren im Buch taten.
Ich spreche heute lieber vom Plot eines Buches. Plot umfasst mehr als die Handlung, nämlich ebenso die Absichten der Figuren, ihre Beziehungen zueinander, ihre Ziele, kurz, all die Handlungsschnüre, die sich wie ein Netz durch einen Roman oder eine Kurzgeschichte ziehen, damit die Figuren und mit ihnen der Autor auch dort ankommen, wohin sie unterwegs sind. Das soll nicht heißen, dass sich während des Schreibens nicht noch eine Menge Dinge ändern können. Aber zunächst geht es darum, eine Rohfassung aufs Papier zu bringen, die in sich geschlossen und plausibel ist.
Ich beginne keinen Krimi, ohne den Plot zuvor skizziert zu haben. Das kann ganz grob sein, ein einfaches Schema mit einem Auslöser, einem Mittelpunkt und einem Schlusspunkt, aber ich muss wissen, wohin die Reise geht, sonst verliere ich mich im Chaos, das meine Heldinnen und Helden anzetteln.
Jede literarische Figur zeichnet sich durch ein Ziel aus (s. Schreibtipp 3), und eine Leitlinie beim Schreiben sollte sein, dass die Figur ihr Ziel mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, anstrebt. Privatdetektivin Katinka Palfy hat üblicherweise das Ziel, einen Mordfall zu lösen, und diesem Ziel ordnet sie alle anderen Intentionen unter. Na gut, die Liebe schleicht sich immer wieder ein, aber das ist Geschmackssache.
Andere Autoren starten ohne ein festes Schema. Sie schicken ihre Figuren los und sehen, wo sie bleiben. Das ist wunderbar, wenn man es kann. Ich kann es nicht so gut, und die meisten Anfänger auch nicht. Manchmal merkt man einem Buch auch an, dass sein Verfasser sich einfach mal treiben ließ. Temporeiche, mitreißende Spannungsliteratur entsteht am ehesten dann, wenn zuvor die Struktur klar ist.
Das klingt einleuchtend? Dann ist die nächste Frage, die Sie stellen, vermutlich die, wie man das konkret macht, einen Plot entwerfen oder einen Spannungsbogen aufbauen.
Der Plot steht und fällt mit einer zentralen dramatischen Frage. Eine einzige Frage hält den Roman oder die Kurzgeschichte zusammen, und diese wird am Ende des Buches beantwortet. Nehmen wir an, sie schreiben eine Geschichte über Henning, der an einer existentiell bedrohlichen Angst vor Hunden leidet. Seine Tochter Marie wünscht sich jedoch nichts sehnsüchtiger als einen Bullmastiff. Henning kann abwehren. Er schenkt Marie ein Meerschweinchen und einen Goldfisch. Marie jedoch wird krank, und Henning steht vor der Frage:
Schafft er es, seine Angst vor Hunden zu überwinden, um seiner Tochter ihren größten Wunsch zu erfüllen?
Diese Frage ist das Zentrum der Geschichte, der Leser erwartet eine Antwort darauf, die nicht notwendigerweise »ja« lauten muss. Henning könnte auch scheitern. Scheitern ist hochdramatisch! Der Leser wird ihm sein Scheitern verzeihen, aber keinesfalls dem Autor, wenn dieser von der zentralen Frage abweicht und stattdessen eine Abhandlung über Hunde schreibt. (Wie sagte Samuel Beckett? »Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.«)
Ein Buch wird umso spannender, je mehr Hindernisse der Held überwinden muss, um sein Ziel zu erreichen. Vielleicht fährt Henning zum Züchter und schaut sich Babybullmastiffs an, aber dann überwältigt ihn die Angst. Oder der alleinerziehende Henning hat sich fast schon zu einem Haustier durchgerungen, aber seine neue Freundin ist allergisch auf Hundehaare. Dies steigert Hennings Konflikt – und steigert die Spannung. Der Held – Henning – ist in der Brennkammer seines Inneren gefangen: Er spürt, dass er sich entscheiden muss, die Temperaturen um ihn herum werden heißer, aber noch fällt es ihm schwer, deshalb übt der Autor mehr Druck aus, bis es Henning in seiner Brennkammer unerträglich wird ...
Beim Planen eines Plots orientiere ich mich an einer Drei-Akte-Struktur. Ich beginne die Geschichte am Wendepunkt: In Krimis dienen oft ein Leichenfund oder das Verbrechen selbst als Auslöser. Der erste Akt endet, wenn ein zusätzlicher Bezugspunkt in die Geschichte getreten ist, z.B. ein Auftraggeber, der die Privatdetektivin bittet, das Verbrechen zu klären.
Der zweite Akt enthält den Verlauf der Ereignisse. Er steuert auf einen Mittelpunkt zu, an dem der Heldin, hier unserer altbekannten Privatdetektivin, beispielsweise eine wichtige Erkenntnis oder ein entscheidender Zeuge zufliegt. Gegen Ende des zweiten Aktes, wenn die Ermittlungen schon sehr weit gediehen sind, kann es noch einmal einen Wendepunkt geben: Entweder tritt ein neuer Informant in die Handlung ein, oder ein Ermittlungsergebnis dreht noch einmal alle bisherigen Erkenntnisse auf den Kopf.
Der dritte Akt bereitet die Lösung des Falles: Am Höhepunkt wird der Mörder gefasst, eine Auflösung kann nachrücken, um dem Leser noch offene Fragen zu erläutern.
Natürlich können die drei Akte einander überlappen. Niemand muss sich sklavisch daran halten, aber die meisten Romane, Filme, Theaterstücke und Kurzgeschichten orientieren sich daran. Diese Struktur ist seit der Antike bewährt.
Auf geht’s:
Schlagen Sie eine leere Seite im Sudelbuch auf und blättern Sie zu der Stelle, auf der sie die Ziele eines Helden oder einer Heldin entworfen haben.
Konkretisieren Sie das Ziel Ihrer Figur. Henning will nicht einfach nur seine Hundeangst überwinden. Er will seiner kranken Tochter eine Freude machen und ihr einen Bullmastiff kaufen.
Nehmen Sie sich nun eine neue Seite vor und skizzieren Sie eine Tabelle mit drei Zeilen, eine für den ersten, eine für den zweiten und eine für den dritten Akt.
Beginnen Sie mit dem letzten Akt, dem Höhepunkt: Wie sieht eine Szene aus, in der der Held sein Ziel erreicht hat?
Schreiben Sie diese Szene.
Nun entwerfen Sie den Weg, den Ihre Figur vom ersten bis zum letzten Akt zurücklegt, in Stichworten.
Legen Sie Ihrer Figur eine Menge Steine in den Weg.
Sorgen Sie dafür, dass die Figur in der Brennkammer ordentlich ins Schwitzen kommt.

Montag, 7. Mai 2012

Kantige Charaktere schaffen

Der Wald ist ein Traum. Es riecht feucht und nach Natur, fruchtig und nach Kraft. Frühmorgens ziehen Pilze- Beeren- und andere Sammler zwischen den Bäumen ihre Kreise, die meisten wohl einfach Feinschmecker mit guten Nasen, die ihr Risotto ai Funghi oder den Obstsalat mit Selbstgepflücktem anreichern wollen. Oder ist jemand dabei, der an den dunkelsten Stellen umherschleicht, um die giftigsten unter den giftigen aufzuspüren? ...
Wenn ich gefragt werde, warum Menschen Bücher lesen, den Blätterwald durchstreifen, bin ich mit einer Antwort schnell bei der Hand: Wir lesen, weil wir von Menschen fasziniert sind und gerne neue Leute kennenlernen. Wo könnte man auf so engem Raum eine solche Vielzahl unterschiedlicher Persönlichkeiten auftreiben wie in einem Roman? Da ist der anarchische, unverfrorene Karlsson vom Dach aus Astrid Lindgrens Feder, mein erster Kumpel. Der mutige Peter Aschmoneit aus Arno Surminskis »Jokehnen«, von dessen Lebenskunst sich jeder gerne eine Scheibe abschneiden würde. Oder der freakige, ausgehungerte kleine Moskito, die Hauptfigur aus Esther Vilars »Rositas Haut«. Lauter Typen, die ich in der wirklichen Welt nicht kennengelernt hätte. Aber sie begleiten mich, manche ein Leben lang, manche eine hübsche kleine Weile.
Was uns an Büchern fasziniert, sind immer die Menschen. Nicht ein Thema, nicht irgendetwas »Literarisches«. Wir lieben Bücher, in denen wir mit den Figuren lieben und leiden, weinen und lachen können. Kommen Sie mir nicht mit dem Vorwurf der Trivialität! Deshalb lesen wir Zeitschriften, besonders sogenannte Klatschblätter: Weil wir etwas über Menschen erfahren wollen. Niemand ist scharf auf eine theoretische Abhandlung über Seitensprünge, aber wissen, wer mit wem, das wollen wir!
Daher verwenden Autoren bei der Vorbereitung ihrer Bücher sehr viel Zeit und Sorgfalt auf die Planung ihrer Figuren. Wobei »Planung« nicht das richtige Wort ist. Sagen wir, Autoren entwerfen, entwickeln, skizzieren, umreißen ihre Mitspieler.
Die Figur der Katinka Palfy war schon über ein Jahr in meinem Kopf, bevor ich sie in einem Buch auftreten ließ. Ich ging mit ihr spazieren, lief einfach monatelang neben ihr her, lernte sie durchschauen, verstand allmählich, was sie liebte und was nicht, welche Spleens und Ängste sie in ihrem Kopf herumtrug, wonach sie sich sehnte und was sie glücklich gemacht hätte, ohne dass sie es selber hätte zugeben wollen.
Haben Sie auch so einen Begleiter oder eine Begleiterin in Ihrem Kopf? Der oder die beim Autofahren, beim abendlichen Einschlafen oder beim Einkaufen an Ihrer Seite auftaucht und sich Raum erstreitet? Sehen Sie Ihre Figur vor sich? Hören Sie ihre Stimme, spüren Sie ihrem Tonfall nach? Redet Ihre Figur warmherzig oder eher ironisch? Sieht sie aus wie Sie oder dicker, dünner, dunkler, schriller? Gibt es etwas, was diese Figur besonders gern tut?
Es ist gut, eine solche Figur eine Weile im eigenen Kopf spuken zu lassen. Dann aber ist es irgendwann Zeit, aus dem Gespenst eine handfeste Buchperson zu machen. Und das geht so:
Auf geht’s:
Schlagen Sie eine leere Seite im Sudelbuch auf:
Entwerfen Sie einen Steckbrief, der Ihre Figur en gros beschreibt:
Alter
Geschlecht
Aussehen
Soziale Situation
Freunde
Beruf
Persönliche Ziele
...
Nun fügen Sie noch hinzu:
einen Spleen – jeder hat doch einen Spleen. Menschen ohne Ticks sind Langweiler!
eine Angst – Ängste sind starke Antriebe, die eine Buchperson durch die Handlung jagen und Spannung erzeugen. Angst sorgt für Identifikation.
eine Sehnsucht – Sehnsüchte machen unser Leben süß und gleichzeitig bitter. Wer kann schon ohne Sehnsucht durchhalten?
Nun schreiben Sie einen kleinen Text, in dem Ihre Figur etwas ganz Banales tut. Sie könnte zum Beispiel Bus fahren. Wie verhält sie sich, was denkt sie? Bietet Sie einer älteren Dame ihren Platz an? Erkundigt Sie sich nach der Station, an der sie aussteigen muss? Geben Sie der Figur eine Plattform, in der sie zeigen kann, wer sie ist. Sie erzählen nicht, dass Ihre Figur von Ferien in der Karibik träumt, sondern Sie zeigen es: Wenn Ihre Figur im Bus sitzt und in den nasskalten Regen starrt, welche Gedanken kommen ihr? Sieht sie ein Reisebüro und springt an der nächsten Haltestelle aus dem Bus, um einen Flug nach Santo Domingo zu buchen?

Montag, 30. April 2012

Vorsicht, es beißt! Die Angst vor dem leeren Blatt

Da liegt es. Rein, weiß, und erinnert irgendwie an Persil. Das leere Blatt vor Ihnen.
Es ist schon sonderbar. Viele Menschen haben Lust, zu schreiben. Sie kaufen sich einen neuen Kollegblock, einen schicken Füller oder ein Set HB-Bleistifte. Doch dann, wenn es losgehen soll, kneifen sie den Schwanz ein. Der Grund: Sie haben Angst vor Schmutz und Gekritzel. Setzt man nämlich den Stift erst einmal aufs Papier, schnurren die vielen Millionen Möglichkeiten, die man hat, um dieses Blatt zu gestalten, zusammen. Wie schnell ist es besudelt, vollgekrakelt, unansehnlich. Und wer will, bei den Papierpreisen, schon verschwenderisch sein?
Sie merken schon – so funktioniert das nicht. Wer schreiben will, der muss loslegen. Er muss anfangen. Muss einfach schreiben. Im Schreiben verbirgt sich ein gewisses Risiko. Denn natürlich kann das Gedicht misslingen, die Story sich im Nirgendwo verlieren, das Drehbuch niemals den Kern der Sache treffen. Autor wird, wer die Gefahr nicht scheut. (Müßig zu sagen, dass Schreiben nichts für ängstliche Typen ist!) Jedes Projekt kann scheitern. Fangen wir erst gar nicht damit an, dann endet das Projekt noch im Planungsstadium. Machen wir uns doch nichts vor: Wir alle haben, aus Faulheit, Ängstlichkeit, oder weil wir begabte Verschiebetaktiker sind, manche gute Idee versanden lassen, bevor sie ihre Magie ausüben konnte.
Das Geheimnis, wie diese Angst zu überwinden ist, lautet ganz einfach: Anfangen. Mehr ist da nicht.
Fangen Sie an. Schreiben Sie jeden Tag. Am besten zur selben Zeit. Möglichst dann, wenn der Tag noch frisch und blau ist, noch nicht zerredet und zerfahren, durch Zeitungslektüre verrußt oder banalisiert. Julia Cameron nennt diese Übung „Morgenseiten“ und führt sie selbst seit Jahr und Tag aus. Unser Geist wird sich an die Routine gewöhnen und irgendwann von selbst das Schreiben einfordern. Wir lernen, das logische Denken und den inneren Zensor für die Dauer des Morgenseitenschreibens auszuschalten.
Zehn Minuten sind genug. Oder drei Seiten. Schreiben Sie, was Sie wollen, aber schreiben Sie. Vertun Sie keine Zeit, indem Sie Zeitpläne ausarbeiten. Von mir aus: Brühen Sie sich eine Tasse Kaffee auf, aber dann schreiben Sie. Sie können nichts falsch machen. Diese Seiten sind nur für Sie gedacht. Niemand wird Sie lesen (– Sie werden sie ja wohl nicht offen rumliegen lassen ...)
Vermutlich rührt die Angst vor dem leeren Blatt noch aus unserer Schulzeit. Schulaufsätze waren die Hölle. Schon beim Schreiben überschlug ich, welche Formulierungen der Lehrer wohl anstreichen würde (zu umgangssprachlich, zu fantastisch, Thema verfehlt)! Kein Wunder, wenn unsere Kreativität bis zum Abitur nicht so richtig zum Zug kam. Aber von dem Gleis sind Sie ja schon runter. (Und wenn nicht: Die Morgenseiten gehören nur Ihnen!) Trauen Sie sich, anachronistische Schmachtfetzen zu fabrizieren, Kolportage, Fragmente. Das Überarbeiten werden Sie später lernen. Denn die Übung ist der Anfang Ihrer schriftstellerischen Tätigkeit und der Beginn eines schöpferischen Tages.
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne
der uns beschützt, und der uns hilft, zu leben.“
- Hermann Hesse
Auf geht’s:
Schlagen Sie eine leere Seite im Sudelbuch auf:
Skizzieren Sie, wo Sie sich gerade befinden. Was sehen, hören, riechen Sie?
Danach notieren Sie 10 Themen, die Sie immer schon interessiert haben.
Und ab heute ...
... stellen Sie den Wecker auf zehn Minuten früher und schreiben Sie Ihre drei Seiten. Jeden Tag.
Beruhigen Sie Partner, Kinder oder Haustiere durch kleine Gefälligkeiten an anderer Stelle.

Dienstag, 10. April 2012

Sudeln und klittern - wo die Ideen wachsen

Themen findet man nicht. Sie drängen sich auf. Ich weiß nicht mehr, von wem dieses Bonmot stammt. Aber ich bringe es gerne in Stellung, wenn ich gefragt werde: „Wie finden Sie Ihre Themen?“ oder „Wo nehmen Sie Ihre Ideen her?“

Ehrlich gesagt, ich finde sie nicht. Man kann ihnen nicht befehlen, sich unverzüglich einzustellen. Sie sind wie Saatkörner. Unscheinbar in brauner Erde verborgen, stoßen sie irgendwann ans Tageslicht. Dann heißt es, behutsam mit dem zarten Pflänzchen umzugehen. Man darf aber auch nicht in die Luft gucken und abwarten, bis die Ideen irgendwann vorbeikommen. Dann verpasst man sie allzu leicht.

Was also ist zu tun?

Die Antwort lautet: Sudeln und klittern. Große Schriftsteller machen es vor. Georg Christoph Lichtenberg sagte: „Die Kaufleute haben ihr waste book (Sudelbuch, Klitterbuch glaube ich im Deutschen), darin tragen sie von Tag zu Tag alles ein, was sie kaufen und verkaufen, alles durcheinander, ohne Ordnung ... dieses verdient von allen Gelehrten nachgeahmt zu werden.“ Ich möchte hinzufügen: von allen, die ihre inneren Quellen entdecken wollen; von allen, denen es ein Bedürfnis ist zu schreiben. Jeder Mensch hat bis zu seinem zehnten Lebensjahr genug erlebt, um einen Roman daraus zu verfassen – mindestens einen. Doch unser größter Feind ist unser Gedächtnis. Alexander Steele sagte dazu, Ideen seien wie Popcorn; manchmal platzen sie in rasender Eile an den Rändern des Bewusstseins auf und verlangen danach, aufgefischt zu werden. Sonst tauchen sie für immer ab. Deshalb also das Sudelbuch.

Ich führe eins. Es ist jedes Mal schnell voll. Ich habe es immer dabei, inklusive Stift natürlich, und wenn mir was Schräges passiert oder irgendetwas einfällt, das ich nicht vergessen will, schreibe ich es rein. Einfach so. Ich schalte den inneren Zensor aus – das ist die Stimme, die ständig meckert – „zu banal, zu blöd, uninteressant, totaler Quatsch“ – und notiere, was mir durch den Kopf geht. Später, viel später, meistens Wochen später, ordne und sortiere ich meine Einträge. Aber nicht gleich. Auf keinen Fall. Zuviel Ordnung schadet dem Genie in uns.

(Ach, übrigens: Sind Sie auch so ein Schreibzeug-Junkie? Lieben Sie wie ich Schreibwarengeschäfte, Spiralblocks, Tagebücher, Oktavhefte, Filzer, Kulis, Füller, Tintenroller, Marker? Dann haben Sie ja jetzt einen prima Anlass, sich öfter mal ein Notizbuch zu leisten ...)

Sie sind auf der Suche nach etwas, worüber Sie schreiben könnten? Sie sind der Meinung, Sie haben nichts Spannendes erlebt? Dann ist die folgende Übung die richtige für Sie:

Auf geht’s:

Seite 1 im Sudelbuch: Legen Sie eine Liste an. Notieren Sie

10 Orte, an denen Sie letzte Woche gewesen sind.

10 Personen, die Ihnen begegnet sind.

Jetzt fahren Sie Bus und hören dabei auf dem iPod den Soundtrack zu „Schlaflos in Seattle“. Oder Sie setzen sich mit einem Cappuccino auf den Balkon oder mit einem Chianti in die Badewanne. Und mit Ihrem Sudelbuch natürlich. Nun formulieren Sie

10 erste Sätze, wie eine Geschichte über einen dieser Orte oder eine dieser Personen beginnen könnte.

10 Titel, die zu dieser Geschichte passen würden oder die Sie als Leserinnen neugierig machen würden.

Sie werden merken: Der beste Fundus für Ideen ist Ihr eigenes Leben!


Freitag, 6. April 2012

Geschichten auf dem Bierdeckel ...

... nein, keine Steuererklärungen. Sondern Storys. In 140 Zeichen. Ausdenken, schreiben und einreichen. Nach den Geschichten auf der Brötchentüte, der Zigarettenschachtel und der Postkarte sind jetzt die Bierdeckel dran. Erst Inspiration tanken, dann loslegen? Ein Idee von Bamberg liest: Die Bierdeckel-Geschichten!
Viel Vergnügen!

Freitag, 30. Dezember 2011

Was vom Jahre übrigblieb ...

Dankbarkeit fürs vergangene Jahr, Vorfreude aufs Neue ... die Kladde mit dem Aufkleber "Stoffentwicklung" ist prall gefüllt!

2012 kommen: zwei Kurzkrimis, ein neuer Katinka-Palfy-Krimi, ein Reisebuch, ein Jugendthriller ... und wir werden sehen, was noch. Ein inspiriertes neues Jahr wünscht
Friederike Schmöe

Donnerstag, 28. Juli 2011

Verboten gut!

Krimiautoren lieben Verbote. Illegales und Abgründiges. Sie umschiffen Gesetze und loten unklare Regeln aus. Natürlich nur und ausschließlich auf dem Papier.
In einem meiner Bücher (wenn ich mich richtig entsinne, war es "Pfeilgift") etwa rückt ein Apotheker ein Medikament raus. Ohne Rezept, dabei war es verschreibungspflichtig!
So was!
Diese perfide ungesetzliche Handlung wurde auch im ganzen Buch nicht geahndet. Niemand bemerkte was!
Allerdings ein Leser. Er rief mich an und klärte mich darüber auf, dass es absolut verboten ist, als Apotheker diese und jene Substanz ohne ärztliches Rezept an einen Kunden zu verkaufen (von umsonst abgeben war nicht die Rede). Es hätte übelste Konsequenzen für den Apotheker zur Folge.
Wie gut, Deutschland, dass deine Bürger so gesetzestreu sind. Nein, wirklich, das ist genau meine Meinung.
In Büchern, Krimis zumal, liegt die Sache aber ein wenig anders. Die Leser würden vor Langeweile gähnen, hätten wir einen Krimi vor uns, in dem eine jede Figur nur erlaubte Dinge täte. Im Prinzip wäre das kein Krimi, und wenn wir es ernst meinen, nicht einmal ein vernünftiger Roman. Nein, auch keine Kurzgeschichte. Denn Leute, die immer alles korrekt machen, sind Langeweiler. Keiner will was von ihnen wissen. Auch wenn unser gesellschaftliches Leben darauf basiert, dass diese Leute achtsam ihrer Arbeit nachgehen - in Krimis sollten sie keinesfalls überhand nehmen. Muss man sich als Autorin ab und zu wieder vor Augen führen. Heutzutage wird soviel zensiert, abgekanzelt, überbewertet und weggebissen, dass sogar Autoren sich nicht mehr trauen, zuviel jammervolle Schlechtigkeit in ein Buch zu packen. Selbst mit Zigaretten und Whiskeys gehen wir sparsamer um als früher. Misère!
Bei Columbo wurde wenigstens noch genüsslich geschmökt ... inzwischen kommen manche Buchpersonen so trocken daher wie die Seiten, auf denen sie gedruckt sind. Also, wenigstens rauchen sollten sie doch dürfen.
Fände der Herr am Telefon vermutlich nicht. Dabei freue ich mich immer, wenn Leser sich melden. Nein, wirklich! Die Gespräche sind einfach toll. Ich versuche auch nie, jemanden von meiner Meinung zu überzeugen. Ich denke eher über neue Charaktere nach.

Montag, 6. Juni 2011

Zeichen & Wunder

... lautet der Name eine außergewöhnlichen Anthologie. 7 Tandems aus je einem alten (!) und einem neuen (jungen) Autor taten sich für ein knappes Jahr zusammen, um gemeinsam eine Geschichte zu schreiben, ein Hörspiel, ein Theaterstück, ein paar Gedichte. Geteilt wurden Stunden und Tage, Kaffee und Rotwein, Snacks und Apfelstrudel, Erfahrungen und Fragen, Frust und gute Laune, Schöpferkraft und Ideen. Es war wunderbar, Teil dieser Equipe zu sein: Friederike Schmöe und Bettina Gabler schrieben zusammen das Theaterstück "Glasaugenkinder" - publiziert in Zeichen & Wunder.

Zeichen & Wunder. Hrsg. von Martin Beyer. Perpetuum publishing 2011. ISBN 978-3-9813638-2-1
Projekt und Presse

Samstag, 26. Februar 2011

Schreiben ist Spielen

Schreiben ist Spielen
Sagt sie
Sage ich
Sagen alle
Ich spiele (nicht)!

Das Schreiben (gelegentlich) vor allem als Spiel zu begreifen, setzt kreative Kräfte frei. Ich stelle das in Schreibworkshops fest. Die harte Arbeit ist, die Teilnehmer erst mal davon zu überzeugen, dass es bei den spielerischen Übungen auf gar nichts ankommt. Nur darauf, loszulassen, abzuschalten, zu experimentieren, Schnipsel und Fetzen heraufzubeschwören, zusammenzutragen, was eben kommt, und dann auszuwählen, was man davon behalten möchte. Das Behalten kann in unterschiedlicher Form geschehen. Doch auch die Wahl der Form darf spielerisch sein: Eine Collage aus Versen? Mit Bildern? Mit Fotos? Zerschnipselt?

Wenn Kreative sich gerade damit schwertun, einfach auf eine Form zu warten, dann probiere ich gerne japanische Gedichttypen aus. Dabei ist mir wichtig, nicht puristisch zu sein. Diese Lyrikform ist ohnehin sehr an der japanischen Sprache (und einsilbigen Strukturen) orientiert. Man kann sie auch mit anderen Sprachen ausprobieren - das Dichterlabor ist 24 Stunden am Tag geöffnet! Vorgegeben werden die groben Strukturen. Aufgefüllt werden sie beliebig.

Ein Gogyohka zum Beispiel ist eine Gedichtform, die schlicht aus 5 Zeilen besteht (s.o.). Mitunter wird verlangt, dass jede Zeile idealerweise aus einem Satz bestehen sollte. Geht es darum, mit Hilfe dieser Gedichtform einfach nur zu spielen, bleibt allein die Vorgabe der 5 Zeilen.

Ein Haiku besteht aus 3 Zeilen, von denen die erste Silbe 5, die zweite 7 und die dritte wieder 5 enthält. Meine Lieblingsübung mit blockierten Kreativen: Aus Klatschzeitungen passende Schlagzeilen ausschneiden und als Haiku zusammensetzen. Macht sogar den Verkopftesten Spaß!

Haiku schreiben ist
Wie Verse mit Lineal
Zu vermessen. Leicht!

Das Tanka ist ein Gedicht aus 5 Zeilen, wobei folgende Silbenzahlen gelten: 5 - 7 - 5 - 7 - 7

Schnipsel und Fetzen
Fliegen durch meinen Schädel
Fetzen und Schnipsel
Rasen herum, flattern auf
Fliegen und wehen davon.

Spaßig finden die meisten auch das Spielen mit dem Senryu: Ein Gedicht aus 3 Zeilen mit nicht mehr als 17 Silben:

Eine Freundschaft
Ist wie ein Meer aus Wellen
Voller Licht und Sterne

Bei der Rückreise aus Japan komme ich gerne zum klassischen Elfchen: Ein Gedicht aus elf Wörtern, die sich wie folgt auf 5 Zeilen verteilen:

1 Wort
2 Wörter
3 Wörter
4 Wörter
1 Wort

Innsbruck
Zwischen Bergen
Die Hitze brennt
Ich verträume den Tag
Heute

Na los, nun fangen Sie schon an! Begrenzungen wollen überwunden werden. Schreiben ist ...
... Spiel!

Donnerstag, 3. Februar 2011

Exposé - die härteste und schwerste Schreibarbeit

Finde ich wirklich. Das Exposé - also ein gutes, eines, das ich aus der Hand geben kann, und zwar guten Gewissens, eines, das alles sagt, aber nicht zuviel - das ist das schwerste Stück Schreibarbeit, das ich mir vorstellen kann.
Wenn ich einmal mit einem Roman begonnen habe, nehmen mich meine Figuren bei der Hand und führen mich. Oder ich sage ihnen, was ich von ihnen erwarte. Meistens geht beides ineinander über. Im Laufe des Schreibens gewöhne ich mich an den Klang dieser neuen Story; ich ermittle ihren Soundtrack. Ich lerne Plätze und Zeitabschnitte im Leben meiner Figuren kennen und setze sie zueinander in Beziehung. Kurz: Ich bin drin. So richtig. Manchmal tauche ich auf und schnappe nach Luft, an jenen Tagen, an denen nichts so richtig läuft. Aber trotzdem bin ich drin. Die Geschichte ist schon ein Teil von mir, der Plot hat sich mit meinem Alltag verwoben.

Anders beim Exposé: Ich weiß zwar, wo ich hinwill und wer da mitkommen soll - aber ich sehe den Weg nicht. Ich stelle mir einen Weg vor, aber ich gehe ihn noch nicht. All jene kleinen Zufälle und plötzlichen Verwicklungen, die sich erst beim Schreiben ergeben, liegen noch im Dunkel verborgen. Glücksmomente, unerwartete Erkenntnisse, ungeplante Kameraschwenks, die dem Buch Atem einhauchen, können sich im Exposé nicht ereignen. Es ist wichtig, es ist essentiell, aber es ist nicht das Buch.
Das Exposé wirkt sehr technisch, sogar technokratisch, irgendwie leblos. Es ist ein reines Verkaufsargument, zunächst. Später wird es zum Kompass des Romans. Das aber erst zu einem Zeitpunkt, wo ich mich schon mit ihm angefreundet habe.

Für alle Autoren, denen es ähnlich geht, habe ich hier ein paar Tipps zusammengestellt, die mir geholfen haben, mit Exposés besser zurande zu kommen. Wohlgemerkt: Es sind keine Hinweise, wie ein Exposé aussehen soll, sondern wie man (wie ich) mit dieser sehr speziellen Textsorte besser in die Gänge kommt (komme):

Schreibe einen schnellen, ersten Entwurf (45 Minuten sollten reichen).
Vergiss dabei sämtliche Details. Konzentriere dich auf die große Linie.
Schnapp dir die stärksten Figuren und führe sie in die Brennkammer.

Nimm dir dein Exposé am nächsten Tag vor.
Finde heraus, wo die Leidenschaft in deinem Roman versteckt ist.
Wo kann ich ehrlich sein? Noch ehrlicher? Ein bisschen ironisch?
Wo ist Frische, Jugend, ein Lächeln?

Nun redigiere, bis der Ekel verfliegt.

Donnerstag, 27. Januar 2011

Warum Schreibworkshops?

Fragte mich mal jemand. "Warum willst du eigentlich, dass alle Leute schreiben sollen?" Meine Rückfrage: Oops? Will ich das? Ich kam ins Grübeln. So, wie es die Frage suggeriert, ist es nun beileibe nicht. Aber ich habe einfach die Erfahrung gemacht: Viele wollen es tun, und manche suchen eine Anregung, wie sie damit anfangen können.
Um uns herrscht allgemeine Ratlosigkeit und Erschöpfung. Moderne Menschen drücken sich kaum noch aus. Sie zeigen nicht, was in ihnen geschieht. Sie agieren wie Spiegel, die die Außenwelt darstellen und führen das Stück auf, von dem sie meinen, dass es jemand auf ihr Programm gesetzt hätte.
Die wenigsten haben eine schöpferische, ihr Inneres berührende Beziehung zu anderen Menschen oder zur Natur. Wahrscheinlich nicht einmal zu sich selbst. Sie sind in sich selbst eingesperrt, verspüren aber eine gewisse Sehnsucht, sich nach außen zu kehren (wenngleich diese ihnen nicht unbedingt bewusst ist). Sagt man in einem Seminar, dass jeder lernen kann, zu schreiben, flammt im Raum eine hoffnungsvolle Aura auf. Die Blicke werden weicher und zeigen ein ehrliches Bisschen von dem, was tief drinnen in der Seele verschmachtet: die Sehnsucht danach, sich selbst Ausdruck zu geben.

Ein Workshop ersetzt kein Philologiestudium und keine (lebenslange) Leidenschaft für das Lesen. Er kann jedoch Grundlagen des Schreibhandwerks zeigen. Man kann nicht einfach loslegen und eine schriftliche Nabelschau produzieren, ohne eine Ahnung zu haben, wie das literarisch geht, wie eine Geschichte aufgebaut ist, und welche sprachlichen Basiskenntnisse dafür notwendig sind. Es wäre, als reiche man einem völlig Ungeübten Hammer und Meißel und bitte ihn, ein Selbstbildnis in Stein zu hauen.Vor allem aber ist eine Schreibwerkstatt ein Ort der Ermutigung. Wir brauchen drei Dinge: Den Weg nach innen, die Kontaktaufnahme mit unser eigenen Kreativität (Schöpferkraft – klingt stärker), das Handwerk, das in den Workshops in Grundlagen vermittelt wird, und das Spielerische, das Ausprobieren, Fragmentieren; Bruchstücke, Skizzen, Fantasien, Etüden
.