Mittwoch, 6. Mai 2015

Die sind ja so nett!

 

Tag zusammen,

ich sitze im Shamrock und philosophiere heute mal über das, was mich immer so aufregt. Wenn jemand sagt: "Das war gar nicht nett." Arrgggh!
(Ach ja, wenn Sie mich noch nicht kennen: Ich bin die Ghostwriterin Kea Laverde aus den Krimis von Friederike Schmöe. Also, Tag auch.)

Kennen Sie den Essay "Nette Leute" von Bertrand Russell? Unbedingt lesen! Weil "nett" nämlich so ein Problemzustand ist.
Nette gehen mir auf den Geist. Meine Freunde sind nicht nett. Sie sind fantasievoll, chaotisch, witzig, poetisch, vertrauensvoll, cholerisch, spleenig, zuverlässig und was auch immer, aber bitte eines nicht: nett. Nett ist Einheitssoße. Schwammig und unverbindlich. Nett sein kann jeder, der sich ein bisschen Mühe gibt. Um tapfer zu sein oder mutig, kreativ oder ausgeflippt, braucht es schon ein bisschen mehr als nur Nettigkeit.
Ähnlich wie nette Menschen sind auch nette Texte unerträglich. Sie sind harmlos, weichgespült und schwammig. Sie wagen nichts. Sie provozieren nicht und sind daher auch nicht interessant. Interessant ist, was provoziert, also Widerspruch hervorruft oder das kitzlige Gefühl, dass der Text etwas mit mir, dem Leser, der Leserin, zu tun hat. Womöglich mehr, als mir lieb ist. Den Text werde ich garantiert lesen!
Texte sollen nicht nett sein - nette Texte sind die Vorstufe zum Schwulst - sondern riskant, tabubrechend, anarchistisch. Sie sollen Ängste auslösen oder hemmungsloses Lachen, anarchistisch und aufrichtig sein. (Wer aufrichtig ist, ist nicht nett!) Echt gute Texte rühren an Verletzlichkeiten. Sie sind garantiert nicht kitschig. Nette Texte haben mit Beobachtungsgabe und Vorstellungskraft nichts zu tun.
Autoren, denen die innere Quelle manchmal zu versiegen scheint, waren vielleicht nur deswegen eine Dürreperiode, weil sie zu nett sein wollen. Schreibt doch mal, was nur euch gefällt! Genau das hat das Zeug zum Bestseller. Und ist hundertprozentig nicht nett.

Ihre 

Kea Laverde

Keine Kommentare: