Samstag, 30. November 2013

Historisches - eine Leseprobe

Für Fans der historischen Forensik hier eine kleine Leseprobe aus
Friederike Schmöe: Das geheime Wissen der Zofe. In: Bitterer Nachgeschmack. Giftmorde von damals bis heute. Anthologie. Hrsg. von Claudia Senghaas mit Iny Lorentz. Gmeiner, Meßkirch 2013. 373 Seiten, 12 x 20 cm. ISBN 978-3-8392-1468-8. € 12,99.


Trotz der Kerzenflamme war es in der Zelle stockdunkel.
Anna wälzte sich schwitzend auf ihrer Bettstatt
hin und her. Über dem Kloster türmten sich
dicke Wolken auf. In der Ferne grollte Donner. Vereinzelt
zuckten Lichtblitze und erhellten für Sekunden
Annas Zelle. Mauersegler zischten um den Kirchturm,
ihr Kreischen gellte in Annas Ohren: Kri, kri!
Anna war, als ob sie selbst diese Schreie ausstieß: so
grell, dass alles in ihr zerreißen wollte. Ihre Glieder
zitterten vor Todesangst. Der Docht in dem winzigen
Kerzenstumpen auf ihrem Nachttisch flackerte
auf und ertrank im Wachs.
Außer ihrem Gemahl war die Dunkelheit ihr
schlimmster Feind. Ihre Bewacher ließen ihr nie
eine Ersatzkerze in der Zelle. Im Gegenteil, die Frau
des Amtmannes, zu dessen Zuständigkeitsbereich
das verlassene Kloster gehörte, weidete sich noch
an der Furcht ihrer Gefangenen, wenn die Schatten
aus den Ecken brachen und über sie herfielen, bis
sie vor Grauen ohnmächtig wurde und ihre Schreie
erstarben. Anna durfte niemals die Kontrolle über
ihre Lage bekommen. Ihr Gemahl hatte angeordnet,
dass sie unter keinen Umständen irgendeine Art
von Macht über ihr Leben und Sterben haben sollte.
Insofern brauchte sie keine Angst vor dem zu
haben, was ihr bevorstand. Schlimmer konnte es
nicht werden.
Der Schweiß rann ihr über die Stirn und in die
Augen. Ihr Herz raste. Morgen schrieb man den 3.
Mai 1603. Man würde sie von hier wegbringen. Seit
Wochen kannte sie den Tag und ebenso lang wütete
in ihrem Innern eine grauenvolle Angst. Das stille
Kloster war ihr nach sieben Jahren Gefangenschaft
zwar verhasst, aber doch vertraut. Nun würde man
sie auf die Veste Coburg verschleppen. Dort gäbe es
keine Hoffnung auf Freiheit mehr. Niemand würde
sie jemals aus der uneinnehmbaren Burg befreien
können. Anna war 36 Jahre alt und ihr Leben keine
Kupfermünze mehr wert.

Keine Kommentare: