Dienstag, 16. Oktober 2012

Geister

Es ist eine gute Übung. Einfach mal loslegen. Du gibst dir ein Thema und legst los. Und schreibst über ... Geister.
Warum? Weil es trainiert. Es trainiert den Schreibmuskel und hält den inneren Schweinehund unter Kontrolle. Den, der schon in der Schule gemufft hat: "Dazu fällt mir aber nichts ein."
Dazu fällt dir nichts ein? Gibt's nicht. Du bist jetzt eine Professionelle. Du kannst es, das Schreiben. Es ist dein Handwerk. Dir wird etwas einfallen.
Die meisten Anfänger glauben, sie müssten schon etwas im Hinterkopf haben, was sie schreiben wollen. Sie setzen sich überhaupt erst an den Computer, wenn sie schon genau wissen, wo es langgehen soll.
Das ist eine Möglichkeit.
Eine andere Möglichkeit ist es, nur mit einer Idee loszulegen. Denn Geschichten wachsen aus Ideen, nicht aus Plänen. Sie meinen, ich hätte mal was anderes behauptet? Naja, auf Lesungen werde ich immer wieder gefragt, wie man denn so einen Krimi schreibt. Und dann sage ich natürlich die Wahrheit: dass man den Plot schon im Kopf haben muss, bevor man die erste Zeile schreibt, denn nachher muss ja alles zusammenfinden. Logo.
Aber hier schreibe ich über die Vorphase. Das Propädeutikum. Oder besser - über die Geister in meinem Kopf, die schon lange herumspuken mit Ideen, Fetzen von Titeln, Halbsätzen, angekokelten Bildchen und brüchigen Lebensläufen diverser Figuren. Die Geister sind es, die mich überhaupt dazu bringen, mit einer neuen Idee anzufangen. Und nebenbei: Auch den Plot eines Krimis habe ich natürlich schriftlich niedergelegt, als Rohfassung, bevor ich mit dem eigentlichen Roman beginne.
Auf einem Workshop sagte mal eine Teilnehmerin, wenn sie so im Auto zu ihrer Arbeitsstelle pendelt, dann würden ihr x Ideen kommen, was sie mal schreiben wollte. Aber wenn sie dann zu Hause ist und den Stift in die Hand nimmt, dann fällt ihr plötzlich nichts mehr ein und das, was eben noch so geschmeidig durch ihren Kopf glitt, ist weg.
Das waren die Geister. Sie sind körperlose Strolche und machen sich einen Spaß daraus, Autoren zu dratzen. Sie gaukeln uns Geschichten vor, wo noch gar keine sind. Weil nämlich wir Autoren die Geschichten machen. Nicht die Geister machen sie. In der Vorphase ist es also unsere Aufgabe, die spukenden Gesellen festzusetzen. Haben Sie schon mal einen Geist gefangen? Genau, es ist sozusagen ein Ding der Unmöglichkeit. Es funktioniert nur - schreibend.
Manche meinen, das Schreiben ist immer die letzte Phase des Produzierens. Aber dem ist nicht so. Bei den meisten Professionellen begleitet das Schreiben an sich (als Bewegung, als vertrautes Ritual, als Versicherung, dass die Welt noch da ist) jede Entwicklung einer neuen Geschichte. Sei es Roman, Kurzgeschichte oder Gedicht. Sobald wir schreiben, sind wir auf vertrautem Terrain. Wir kennen uns aus mit Sätzen und Wörtern. Wir spielen auf der Klaviatur der Sprache, und halten die Geister in den Melodien fest.
Es gibt viele Techniken, wie man so was macht. Das Sudelbuch - meine Lieblingsversion. Etwas elaborierter ist der Tipp, sich drei Fächer anzulegen. In Fach eins liegen die Notizen zu Ideen, also sozusagen niedergeschriebene Geister, in Fach zwei die Notizen zu den Ideen, die wir schon genauer bearbeiten, und in Fach drei die Texte, die definitiv etwas werden.
Alles ist möglich - solange wir schreiben.
Und jetzt habe ich einen ganzen Post über Geister geschrieben. Obwohl ich vorher keine Ahnung hatte, was das werden soll. Ernsthaft.

1 Kommentar:

inter2naut hat gesagt…

Ich dachte schon, das Genre wird gewechelt - Geistergeschichten und so ...
Einen Krimi habe ich auf jeden Fall noch: "Still und starr ruht der Tod" - vielleicht lese ich danach eine Geistergeschichte ;-)