Sonntag, 29. Juli 2012

Kürzen und killen - Arbeit am eigenen Text

Stephen King schreibt in seinem Buch »Das Leben und das Schreiben« (München 2002), dass er sich zwingt, nach dem Beenden der Rohfassung eines Werkes 10% zu kürzen.
Ein weiser Rat. Ich befolge ihn sklavisch. Berechne mit der Funktion »Wörter zählen« im Menü »Extras«, aus wie vielen Zeichen mein Werk besteht, und kürze dann 10% raus. Der Punkt ist, dass es immer noch etwas Überflüssiges in jedem Text gibt, und die Kunst besteht darin, das Überflüssige zu finden und zu löschen. Ein Adjektiv zu viel? Ein Adverb, das keine neue Information zum Text hinzufügt? Ein Abschnitt, der meiner Eitelkeit dient, weil ich zu einem Thema so viel recherchiert habe? Raus damit. Schon Mark Twain sagte: »Wenn Sie irgendwo ein Adjektiv sehen, töten Sie es.« Einer Krimiautorin sollte das nicht schwer fallen.
Die echte Autorenkorrektur, ich nenne sie auch »Redaktion«, besteht aber aus weit mehr Anforderungen als nur aus der Qual der Kürze. Jedoch ist genau die Kürze das Problem vieler Anfänger: Sie können sich nicht trennen von ihren Satzmonstern, ausgefeilten Synonymen und komplexen Konstruktionen. Deshalb empfehlen manche Kreativ-Schreiben-Dozenten, die Erstfassung möglichst knapp zu halten. Man wird dann nicht melancholisch, wenn man kürzen muss, sondern darf im Gegenteil noch etwas hinzufügen.
Bei mir ist es umgekehrt. Ich kürze gern. Ich schmeiße auch gerne weg. Ausmisten macht mir Spaß. Habe ich mich innerlich von Gegenständen und den Lebensabschnitten, die jene repräsentieren, getrennt, will ich sie auch loswerden. Daher macht mir das Kürzen und Killen Freude.
Doch, wie gesagt, die Arbeit am eigenen Text, wenn der erste Schrott einmal aufs Papier gekippt ist, stellt noch mehr Anforderung. Hauptsächlich die Anforderung der Schärfens.
Beim Korrekturlesen frage ich mich erstens: Worin steckt in diesem Text die meiste Kraft? Liegt sie in der Hauptfigur? Ist diese mutig, schlagfertig, traumatisiert? Dann mache ich sie noch mutiger, noch schlagfertiger, noch traumatisierter. Ein einziges, dramatisches Detail im Vorleben einer Figur ist wichtiger als ein ganzer Rattenschwanz von Erfahrungen, der diese Figur beeinflusst hat. Deshalb: Rattenschwänze abschneiden und das eine Detail herausarbeiten.
Zweitens interessiert mich, ob meine Figuren wirklich Individuen sind oder Abziehbilder von Klischees, wie sie uns in allzu vielen Filmen und Büchern begegnen. Natürlich beurteilen meine Leser am besten, wie lebendig die Protagonisten ihnen erscheinen, aber als allererste bin ich nun einmal an der Reihe, die Mitspieler auf Individualität zu testen. Ich frage mich: Ist meine Figur ausreichend stark motiviert, ihr Ziel zu erreichen? Ist sie dabei, ihre eigene Lösung herbeizuführen? Tut Sie etwas Überraschendes? Ist das der Fall, ist die Arbeit am Text unter diesem Aspekt schnell beendet.
Drittens spricht eine gute Geschichte die Sinne an. Lieber mehr Sinnlichkeit als zuviel Intellekt. Ich will nicht schreiben, dass jemand undankbar ist, ich will es zeigen. Ich will die Enttäuschung desjenigen fühlbar machen, der sich mit der Undankbarkeit eines anderen auseinandersetzt. Ist mir das geglückt? Dann o.k.
Viertens: Sinnlichkeit wird besonders durch Einzelheiten ausgelöst. Details sind wichtig. Wenige Details reichen aus, aber sie müssen stark und farbig sein.
Fünftens: Die wichtigen, die entscheidenden Momente der Geschichte sollten im Gespräch der Figuren untereinander hörbar gemacht werden. Eine typische Überarbeitungsform ist es, eine erzählerische Passage in eine dialogisch umzuarbeiten.
Auf geht’s:
Nehmen Sie sich einen Text vor, den sie vor kurzem geschrieben haben.
Finden Sie heraus, worin die meiste Kraft liegt.
Was könnten Sie umgestalten, um diese Kraft hervorzuheben? Braucht Ihre Protagonistin noch eine weitere, alles entscheidende Eigenschaft? Ist sie zu schüchtern, zu vorsichtig? Ändern Sie das!
Sprechen Ihre Figuren zuviel? Streichen Sie Ihre Dialog auf ein Minimum zusammen. Lassen Sie nur das übrig, was am allernotwendigsten ist, damit die Geschichte funktioniert.
Streichen Sie alle Adjektive in Ihrem Text. Dies nur zur Übung! Sie dürfen danach gerne wieder ein paar einstreuen, aber nur dort, wo das Adjektiv eine wichtige Information rüberbringt.
Werfen Sie alles raus, was nur im Entferntesten nach Klischee klingt.

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