Donnerstag, 31. Mai 2012

Triste Verabredungen - wie sprechen literarische Figuren?

Die New Yorker Autorin Allison Amend findet, dass Verabredungen und Literatur eine Menge gemeinsam haben. Gute Verabredungen zeichnen sich durch gute Gespräche aus, und auch, wenn es Ausnahmen von dieser Regel gibt, finden die meisten von uns es ganz schrecklich, sich in der Kneipe über einem Teller mit Currywurst anzuschweigen.
Umgekehrt gilt, dass gute Dialoge gute Storys ausmachen. Denn in Dialogen zeigen die Figuren, wer sie wirklich sind. Wir bekommen es als Leser nicht erzählt – wir erleben die Figuren, hören und sehen ihnen zu, als wären wir dabei!
Dialogszenen ziehen die Aufmerksamkeit der Leser auf sich. Gute Dialoge sind solche, in denen etwas passiert: Leute fetzen sich, gestehen einander ihre Liebe oder ringen um das Sorgerecht für die Kinder. Wir lauschen alle gerne! Deswegen eignen sich Dialoge auch besonders für die essentiellen Teile einer Geschichte, für jene Abschnitte, in denen es richtig zur Sache geht. Für die dramatischen Abschnitte eben.
Ein typischer Anfängerfehler beim Verfassen von Dialogen besteht darin, reale Gespräche aufzuschreiben. Doch in Romanen oder Erzählungen wollen wir keine Gespräche der Art hören, wie wir sie täglich im Bus oder vor dem Kaffeeautomaten um die Ohren geschlagen bekommen. Denn normalerweise sind ‚echte’ Gespräche viel zu langatmig, zäh, eintönig und manchmal sogar unverständlich. Dafür haben Autoren in einem Buch weder Platz noch Zeit. Ein Beispiel. Walter und Margit treffen sich am Bahnhof.
Hallo Walter.
Ach, servus ...
Willst du auch zum Regionalexpress um 8 Uhr 5?
Wie? Äh, ja, ich glaube ...
Setzen wir uns zusammen?
Klar ...
Ich wollte ich ohnehin schon länger mal ... du kennst dich doch mit Computern aus?
Du ... ich kaufe mir noch was zu essen.
Ja.
Soll ich dir was mitbringen?
Nee ... oder doch, vielleicht ein Hörnchen. Oder ...
Ja?
Nee, ich nehme doch nichts.
O.k. Du, hast du Kleingeld, kannst du wechseln?
Kleingeld? Nö ... oder ... warte mal, doch, ich habe doch vorhin ...
Wer möchte sowas schon lesen!
Der literarische Dialog imitiert die Wirklichkeit. Mehr noch: Er erzeugt die Illusion, es handele sich um ein reales Gespräch. Daher ruft der Dialog in einem Roman oder einer Erzählung mehr Wirkung hervor als eine Unterhaltung im wirklichen Leben. Er zeigt in verdichteter Form um ein Vielfaches mehr vom Wesentlichen, was in den beteiligten Menschen vorgeht! Walter und Margit könnten am Bahnhof auch folgenden Dialog führen:
Hallo Walter! Willst du auch zum Zug um 8 Uhr 5? Wollen wir uns zusammensetzen?
Geht klar. Ich hole mir noch was zum Essen.
Ich besetze uns einen Platz. Ich wollte dich schon länger was zum Thema Computer fragen. Du kennst dich doch aus?
Schon besser. Hier wird klar, was die Figuren wollen.
In der Schule wurde uns beigebracht, dass man nicht immer »sagte er«, »sagte sie« schreiben solle, sondern Synonyme (also bedeutungsähnliche Wörter) verwenden müsse. »Rief, schrie, brüllte, stammelte, keuchte er«.
Tatsache ist: Wir haben in der Schule ja nicht gelernt, gute Geschichten zu schreiben. Vielmehr galt das Augenmerk unserer Lehrer der Wortschatzerweiterung.
In einem Roman stören zu viele Synonyme. Wird immerzu gestottert, gejapst, geschnaubt und gebrüllt, nutzen sich die Ausdrücke rasch ab und wirken künstlich. Für den Anfang tut es das gute, alte »sagen«. Im Übrigen haben wir auch die Möglichkeit, szenische Beschreibungen einfließen zu lassen und auf redebegleitende Verben des Sagens zu verzichten:
»Bring mir bitte ein Hörnchen mit.« Margit zählte zwei Euro aus ihrer Geldbörse.
Zu guter Letzt: Jeder Mensch spricht anders. Die Art, wie wir sprechen, uns in ein Gespräch einschalten oder uns aus einer Unterhaltung stehlen, sagt etwas darüber aus, wer wir sind. Ein guter Autor arbeitet diese Eigenheiten heraus. Als Leser hören wir dann, ob eine Figur verstimmt ist, ungeduldig oder einfach nur müde. Wir bekommen ganz automatisch mit, ob zwei Personen streiten oder flirten – das hören wir aus dem Dialog selbst, wenn er gut ist. Wir müssen es nicht erzählt bekommen!
Auf geht’s:
Setzen Sie sich in ein beliebiges Café oder fahren Sie Bus, Tram, Zug. Halten Sie eine neue Seite im Sudelbuch und einen Stift bereit.
Versuchen Sie, eine Unterhaltung von Menschen in Ihrer Nähe mitzuschreiben.
Als nächstes überarbeiten Sie: Worum ging es in dem Dialog? Welche Intentionen hatten die Gesprächspartner? In welcher Stimmung befanden sie sich?
Nun dürfen Sie sich fröhlich austoben: Schreiben Sie einen Dialog, der sich an dem Gespräch, das Sie belauscht haben, orientieren kann, aber nicht muss.
Literarische Figuren zeigen im Dialog, wer sie sind. Folgende Eckdaten begleiten die nächste Übung: Monika ist eine spießige, ein wenig versnobbte Juraprofessorin mit klaren, konservativen Ansichten. Auf der Fahrt zu einer angesehenen Universität, wo sie sich um einen Lehrstuhl bewerben will, hat ihr Mercedes eine Panne. Sie ruft den Abschleppdienst und begegnet Hiltrud, der Frau des Mechanikers, die Monika in ihre Küche zu einem Tee einlädt, bis der Wagen repariert ist. Hiltrud ist Hausfrau, schneidet gerne die Rezeptvorschläge aus der Tageszeitung aus und klebt sie in ein Notizbuch. Sie freut sich, jemanden zum Reden zu haben, aber Monika ist nervös wegen des Vortrags, den sie an der fremden Universität halten muss. Außerdem kann sie nicht mit Leuten wie Hiltrud. Allerdings will Monika die andere Frau auch nicht vergnatzen, da sie auf deren Hilfe angewiesen ist. Schreiben Sie den Dialog zwischen den beiden Frauen. Sie können szenische Elemente einfließen lassen.

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