Montag, 7. Mai 2012

Kantige Charaktere schaffen

Der Wald ist ein Traum. Es riecht feucht und nach Natur, fruchtig und nach Kraft. Frühmorgens ziehen Pilze- Beeren- und andere Sammler zwischen den Bäumen ihre Kreise, die meisten wohl einfach Feinschmecker mit guten Nasen, die ihr Risotto ai Funghi oder den Obstsalat mit Selbstgepflücktem anreichern wollen. Oder ist jemand dabei, der an den dunkelsten Stellen umherschleicht, um die giftigsten unter den giftigen aufzuspüren? ...
Wenn ich gefragt werde, warum Menschen Bücher lesen, den Blätterwald durchstreifen, bin ich mit einer Antwort schnell bei der Hand: Wir lesen, weil wir von Menschen fasziniert sind und gerne neue Leute kennenlernen. Wo könnte man auf so engem Raum eine solche Vielzahl unterschiedlicher Persönlichkeiten auftreiben wie in einem Roman? Da ist der anarchische, unverfrorene Karlsson vom Dach aus Astrid Lindgrens Feder, mein erster Kumpel. Der mutige Peter Aschmoneit aus Arno Surminskis »Jokehnen«, von dessen Lebenskunst sich jeder gerne eine Scheibe abschneiden würde. Oder der freakige, ausgehungerte kleine Moskito, die Hauptfigur aus Esther Vilars »Rositas Haut«. Lauter Typen, die ich in der wirklichen Welt nicht kennengelernt hätte. Aber sie begleiten mich, manche ein Leben lang, manche eine hübsche kleine Weile.
Was uns an Büchern fasziniert, sind immer die Menschen. Nicht ein Thema, nicht irgendetwas »Literarisches«. Wir lieben Bücher, in denen wir mit den Figuren lieben und leiden, weinen und lachen können. Kommen Sie mir nicht mit dem Vorwurf der Trivialität! Deshalb lesen wir Zeitschriften, besonders sogenannte Klatschblätter: Weil wir etwas über Menschen erfahren wollen. Niemand ist scharf auf eine theoretische Abhandlung über Seitensprünge, aber wissen, wer mit wem, das wollen wir!
Daher verwenden Autoren bei der Vorbereitung ihrer Bücher sehr viel Zeit und Sorgfalt auf die Planung ihrer Figuren. Wobei »Planung« nicht das richtige Wort ist. Sagen wir, Autoren entwerfen, entwickeln, skizzieren, umreißen ihre Mitspieler.
Die Figur der Katinka Palfy war schon über ein Jahr in meinem Kopf, bevor ich sie in einem Buch auftreten ließ. Ich ging mit ihr spazieren, lief einfach monatelang neben ihr her, lernte sie durchschauen, verstand allmählich, was sie liebte und was nicht, welche Spleens und Ängste sie in ihrem Kopf herumtrug, wonach sie sich sehnte und was sie glücklich gemacht hätte, ohne dass sie es selber hätte zugeben wollen.
Haben Sie auch so einen Begleiter oder eine Begleiterin in Ihrem Kopf? Der oder die beim Autofahren, beim abendlichen Einschlafen oder beim Einkaufen an Ihrer Seite auftaucht und sich Raum erstreitet? Sehen Sie Ihre Figur vor sich? Hören Sie ihre Stimme, spüren Sie ihrem Tonfall nach? Redet Ihre Figur warmherzig oder eher ironisch? Sieht sie aus wie Sie oder dicker, dünner, dunkler, schriller? Gibt es etwas, was diese Figur besonders gern tut?
Es ist gut, eine solche Figur eine Weile im eigenen Kopf spuken zu lassen. Dann aber ist es irgendwann Zeit, aus dem Gespenst eine handfeste Buchperson zu machen. Und das geht so:
Auf geht’s:
Schlagen Sie eine leere Seite im Sudelbuch auf:
Entwerfen Sie einen Steckbrief, der Ihre Figur en gros beschreibt:
Alter
Geschlecht
Aussehen
Soziale Situation
Freunde
Beruf
Persönliche Ziele
...
Nun fügen Sie noch hinzu:
einen Spleen – jeder hat doch einen Spleen. Menschen ohne Ticks sind Langweiler!
eine Angst – Ängste sind starke Antriebe, die eine Buchperson durch die Handlung jagen und Spannung erzeugen. Angst sorgt für Identifikation.
eine Sehnsucht – Sehnsüchte machen unser Leben süß und gleichzeitig bitter. Wer kann schon ohne Sehnsucht durchhalten?
Nun schreiben Sie einen kleinen Text, in dem Ihre Figur etwas ganz Banales tut. Sie könnte zum Beispiel Bus fahren. Wie verhält sie sich, was denkt sie? Bietet Sie einer älteren Dame ihren Platz an? Erkundigt Sie sich nach der Station, an der sie aussteigen muss? Geben Sie der Figur eine Plattform, in der sie zeigen kann, wer sie ist. Sie erzählen nicht, dass Ihre Figur von Ferien in der Karibik träumt, sondern Sie zeigen es: Wenn Ihre Figur im Bus sitzt und in den nasskalten Regen starrt, welche Gedanken kommen ihr? Sieht sie ein Reisebüro und springt an der nächsten Haltestelle aus dem Bus, um einen Flug nach Santo Domingo zu buchen?

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