Donnerstag, 17. Mai 2012

In der Brennkammer - wie ein Plot entsteht

In der Schule haben wir im Deutschunterricht die Handlung eines Romans durchgekaut. Handlung, das war das, was die Figuren im Buch taten.
Ich spreche heute lieber vom Plot eines Buches. Plot umfasst mehr als die Handlung, nämlich ebenso die Absichten der Figuren, ihre Beziehungen zueinander, ihre Ziele, kurz, all die Handlungsschnüre, die sich wie ein Netz durch einen Roman oder eine Kurzgeschichte ziehen, damit die Figuren und mit ihnen der Autor auch dort ankommen, wohin sie unterwegs sind. Das soll nicht heißen, dass sich während des Schreibens nicht noch eine Menge Dinge ändern können. Aber zunächst geht es darum, eine Rohfassung aufs Papier zu bringen, die in sich geschlossen und plausibel ist.
Ich beginne keinen Krimi, ohne den Plot zuvor skizziert zu haben. Das kann ganz grob sein, ein einfaches Schema mit einem Auslöser, einem Mittelpunkt und einem Schlusspunkt, aber ich muss wissen, wohin die Reise geht, sonst verliere ich mich im Chaos, das meine Heldinnen und Helden anzetteln.
Jede literarische Figur zeichnet sich durch ein Ziel aus (s. Schreibtipp 3), und eine Leitlinie beim Schreiben sollte sein, dass die Figur ihr Ziel mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, anstrebt. Privatdetektivin Katinka Palfy hat üblicherweise das Ziel, einen Mordfall zu lösen, und diesem Ziel ordnet sie alle anderen Intentionen unter. Na gut, die Liebe schleicht sich immer wieder ein, aber das ist Geschmackssache.
Andere Autoren starten ohne ein festes Schema. Sie schicken ihre Figuren los und sehen, wo sie bleiben. Das ist wunderbar, wenn man es kann. Ich kann es nicht so gut, und die meisten Anfänger auch nicht. Manchmal merkt man einem Buch auch an, dass sein Verfasser sich einfach mal treiben ließ. Temporeiche, mitreißende Spannungsliteratur entsteht am ehesten dann, wenn zuvor die Struktur klar ist.
Das klingt einleuchtend? Dann ist die nächste Frage, die Sie stellen, vermutlich die, wie man das konkret macht, einen Plot entwerfen oder einen Spannungsbogen aufbauen.
Der Plot steht und fällt mit einer zentralen dramatischen Frage. Eine einzige Frage hält den Roman oder die Kurzgeschichte zusammen, und diese wird am Ende des Buches beantwortet. Nehmen wir an, sie schreiben eine Geschichte über Henning, der an einer existentiell bedrohlichen Angst vor Hunden leidet. Seine Tochter Marie wünscht sich jedoch nichts sehnsüchtiger als einen Bullmastiff. Henning kann abwehren. Er schenkt Marie ein Meerschweinchen und einen Goldfisch. Marie jedoch wird krank, und Henning steht vor der Frage:
Schafft er es, seine Angst vor Hunden zu überwinden, um seiner Tochter ihren größten Wunsch zu erfüllen?
Diese Frage ist das Zentrum der Geschichte, der Leser erwartet eine Antwort darauf, die nicht notwendigerweise »ja« lauten muss. Henning könnte auch scheitern. Scheitern ist hochdramatisch! Der Leser wird ihm sein Scheitern verzeihen, aber keinesfalls dem Autor, wenn dieser von der zentralen Frage abweicht und stattdessen eine Abhandlung über Hunde schreibt. (Wie sagte Samuel Beckett? »Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.«)
Ein Buch wird umso spannender, je mehr Hindernisse der Held überwinden muss, um sein Ziel zu erreichen. Vielleicht fährt Henning zum Züchter und schaut sich Babybullmastiffs an, aber dann überwältigt ihn die Angst. Oder der alleinerziehende Henning hat sich fast schon zu einem Haustier durchgerungen, aber seine neue Freundin ist allergisch auf Hundehaare. Dies steigert Hennings Konflikt – und steigert die Spannung. Der Held – Henning – ist in der Brennkammer seines Inneren gefangen: Er spürt, dass er sich entscheiden muss, die Temperaturen um ihn herum werden heißer, aber noch fällt es ihm schwer, deshalb übt der Autor mehr Druck aus, bis es Henning in seiner Brennkammer unerträglich wird ...
Beim Planen eines Plots orientiere ich mich an einer Drei-Akte-Struktur. Ich beginne die Geschichte am Wendepunkt: In Krimis dienen oft ein Leichenfund oder das Verbrechen selbst als Auslöser. Der erste Akt endet, wenn ein zusätzlicher Bezugspunkt in die Geschichte getreten ist, z.B. ein Auftraggeber, der die Privatdetektivin bittet, das Verbrechen zu klären.
Der zweite Akt enthält den Verlauf der Ereignisse. Er steuert auf einen Mittelpunkt zu, an dem der Heldin, hier unserer altbekannten Privatdetektivin, beispielsweise eine wichtige Erkenntnis oder ein entscheidender Zeuge zufliegt. Gegen Ende des zweiten Aktes, wenn die Ermittlungen schon sehr weit gediehen sind, kann es noch einmal einen Wendepunkt geben: Entweder tritt ein neuer Informant in die Handlung ein, oder ein Ermittlungsergebnis dreht noch einmal alle bisherigen Erkenntnisse auf den Kopf.
Der dritte Akt bereitet die Lösung des Falles: Am Höhepunkt wird der Mörder gefasst, eine Auflösung kann nachrücken, um dem Leser noch offene Fragen zu erläutern.
Natürlich können die drei Akte einander überlappen. Niemand muss sich sklavisch daran halten, aber die meisten Romane, Filme, Theaterstücke und Kurzgeschichten orientieren sich daran. Diese Struktur ist seit der Antike bewährt.
Auf geht’s:
Schlagen Sie eine leere Seite im Sudelbuch auf und blättern Sie zu der Stelle, auf der sie die Ziele eines Helden oder einer Heldin entworfen haben.
Konkretisieren Sie das Ziel Ihrer Figur. Henning will nicht einfach nur seine Hundeangst überwinden. Er will seiner kranken Tochter eine Freude machen und ihr einen Bullmastiff kaufen.
Nehmen Sie sich nun eine neue Seite vor und skizzieren Sie eine Tabelle mit drei Zeilen, eine für den ersten, eine für den zweiten und eine für den dritten Akt.
Beginnen Sie mit dem letzten Akt, dem Höhepunkt: Wie sieht eine Szene aus, in der der Held sein Ziel erreicht hat?
Schreiben Sie diese Szene.
Nun entwerfen Sie den Weg, den Ihre Figur vom ersten bis zum letzten Akt zurücklegt, in Stichworten.
Legen Sie Ihrer Figur eine Menge Steine in den Weg.
Sorgen Sie dafür, dass die Figur in der Brennkammer ordentlich ins Schwitzen kommt.

Keine Kommentare: