Montag, 2. April 2012

Tagebuch 4

Das Internet bietet eine Menge Möglichkeiten. Z.B. den Austausch mit anderen Autoren auf unterschiedlichen Plattformen, den ich sehr genieße. Man kann sogar über Sprachgrenzen hinweg diskutieren, da trifft die deutsche die französische Literatur und so weiter.
Das ist klasse.
Was nicht klasse ist: Ziemlich viel treibt nur noch an der Oberfläche. Gedanken werden zu Treibholz. Es ist leicht, einmal auf "Like" zu klicken. Es ist leicht, einen witzigen Spruch mit einem coolen Foto "Gefällt mir"-würdig zu finden. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber wenn es um Bücher geht, ist das meistens zu wenig.
Deshalb tauschen sich viele auf Leseportalen aus. Das ist auch hoch spannend, insbesondere wenn man Bücher empfohlen bekommt und einfach auf neue Ideen gebracht wird. Seit einiger Zeit aber habe ich den Eindruck, dass all diese Möglichkeiten zum Debattieren doch etwas nicht haben. Mir ist nicht ganz klar, was es ist, aber ich schätze: Es ist doch irgendwie nicht tief genug? Oder habe nur ich nicht den richtigen Dreh, um virtuelle so richtig tiefgehend zu diskutieren?
Ich griff also auf ein Medium zurück, das von je her eine eine Methode der Selbstanalyse und der Reflexion ist: Das Tagebuch. Ich verstehe das Tagebuch übrigens nicht als Chronik, in der akribisch eingetragen werden muss, was man wann gemacht hat und mit wem. Für mich ist das Tagebuch eher ein Schwamm, der alles Mögliche aufsaugt, was sich an Gedankenströmen ergibt. Hier finden Splitter, Fragmente, Unausgegorenes, Silbenschnipsel, herbeitaumelnde Wortfetzen, Halb-Ideen und Dreiviertel-Ideen, Beobachtungen und Notizen zu Dingen, die nicht vergessen werden dürfen, einen Platz. Das Tagebuch ist der Ort, wo ganz in Ruhe etwas heranwachsen kann, weil es keine Eile gibt, das Geschriebene sofort zu veröffentlichen - oder eben ins Internet zu stellen oder sofort irgendwo einen "Like"-Knopf zu drücken.
Ein chinesisches Sprichwort sagt: "Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man dran zieht." Aber die Online-Auseinandersetzung mit Inhalten beschleunigt so sehr, dass man oft überhaupt keine Zeit und keine Muße hat, vorher darüber nachzudenken. Weder über die Sache selbst, zu der man sich äußern will, noch zu der Frage, ob überhaupt eine Notwendigkeit besteht, sich zu äußern ...
Das Tagebuch verlangsamt. Es ist eine Art Sämlingskasten. Zum Bewusstwerden. Zum Zu-Atem-Kommen. Zum Nachsinnen. Zum Träumen. Man kann wunderbar sammeln, herumsuchen, alte Fragmente aufgreifen, neu überdenken, ergänzen, erneuern, verwerfen. Irgendwann, vielleicht, entsteht etwas daraus. Aber es muss auch nichts draus entstehen. Die versunkenen Städte kommen sowieso dann an die Oberfläche, wenn es ihnen selbst passt.
Wer das Tagebuch so versteht, braucht sich auch keine Gedanken zu machen, wie man es richtig schreibt. Es gibt kein "Richtig" und kein "Falsch". Es braucht keine ausgefeilten Sätze oder korrekte Rechtschreibung. Es darf aus Abkürzungen bestehen, inklusive Skizzen, Zeichnungen, Farbkleckse. Strukturen werden hier nicht vorgedacht, sondern sie entstehen.
Die ideale Übung für Autoren, oder? Denn Geschichten sind wie Gras: Den Winter über sehen sie grau und braun und matschig aus. Dann kommt der Frühling, und irgendwie ist plötzlich alles grün und man wundert sich, wo das jetzt herkommt ...

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