Dienstag, 10. April 2012

Sudeln und klittern - wo die Ideen wachsen

Themen findet man nicht. Sie drängen sich auf. Ich weiß nicht mehr, von wem dieses Bonmot stammt. Aber ich bringe es gerne in Stellung, wenn ich gefragt werde: „Wie finden Sie Ihre Themen?“ oder „Wo nehmen Sie Ihre Ideen her?“

Ehrlich gesagt, ich finde sie nicht. Man kann ihnen nicht befehlen, sich unverzüglich einzustellen. Sie sind wie Saatkörner. Unscheinbar in brauner Erde verborgen, stoßen sie irgendwann ans Tageslicht. Dann heißt es, behutsam mit dem zarten Pflänzchen umzugehen. Man darf aber auch nicht in die Luft gucken und abwarten, bis die Ideen irgendwann vorbeikommen. Dann verpasst man sie allzu leicht.

Was also ist zu tun?

Die Antwort lautet: Sudeln und klittern. Große Schriftsteller machen es vor. Georg Christoph Lichtenberg sagte: „Die Kaufleute haben ihr waste book (Sudelbuch, Klitterbuch glaube ich im Deutschen), darin tragen sie von Tag zu Tag alles ein, was sie kaufen und verkaufen, alles durcheinander, ohne Ordnung ... dieses verdient von allen Gelehrten nachgeahmt zu werden.“ Ich möchte hinzufügen: von allen, die ihre inneren Quellen entdecken wollen; von allen, denen es ein Bedürfnis ist zu schreiben. Jeder Mensch hat bis zu seinem zehnten Lebensjahr genug erlebt, um einen Roman daraus zu verfassen – mindestens einen. Doch unser größter Feind ist unser Gedächtnis. Alexander Steele sagte dazu, Ideen seien wie Popcorn; manchmal platzen sie in rasender Eile an den Rändern des Bewusstseins auf und verlangen danach, aufgefischt zu werden. Sonst tauchen sie für immer ab. Deshalb also das Sudelbuch.

Ich führe eins. Es ist jedes Mal schnell voll. Ich habe es immer dabei, inklusive Stift natürlich, und wenn mir was Schräges passiert oder irgendetwas einfällt, das ich nicht vergessen will, schreibe ich es rein. Einfach so. Ich schalte den inneren Zensor aus – das ist die Stimme, die ständig meckert – „zu banal, zu blöd, uninteressant, totaler Quatsch“ – und notiere, was mir durch den Kopf geht. Später, viel später, meistens Wochen später, ordne und sortiere ich meine Einträge. Aber nicht gleich. Auf keinen Fall. Zuviel Ordnung schadet dem Genie in uns.

(Ach, übrigens: Sind Sie auch so ein Schreibzeug-Junkie? Lieben Sie wie ich Schreibwarengeschäfte, Spiralblocks, Tagebücher, Oktavhefte, Filzer, Kulis, Füller, Tintenroller, Marker? Dann haben Sie ja jetzt einen prima Anlass, sich öfter mal ein Notizbuch zu leisten ...)

Sie sind auf der Suche nach etwas, worüber Sie schreiben könnten? Sie sind der Meinung, Sie haben nichts Spannendes erlebt? Dann ist die folgende Übung die richtige für Sie:

Auf geht’s:

Seite 1 im Sudelbuch: Legen Sie eine Liste an. Notieren Sie

10 Orte, an denen Sie letzte Woche gewesen sind.

10 Personen, die Ihnen begegnet sind.

Jetzt fahren Sie Bus und hören dabei auf dem iPod den Soundtrack zu „Schlaflos in Seattle“. Oder Sie setzen sich mit einem Cappuccino auf den Balkon oder mit einem Chianti in die Badewanne. Und mit Ihrem Sudelbuch natürlich. Nun formulieren Sie

10 erste Sätze, wie eine Geschichte über einen dieser Orte oder eine dieser Personen beginnen könnte.

10 Titel, die zu dieser Geschichte passen würden oder die Sie als Leserinnen neugierig machen würden.

Sie werden merken: Der beste Fundus für Ideen ist Ihr eigenes Leben!


Kommentare:

Christa S. Lotz hat gesagt…

Werde bald mein Sudelbuch auch wieder vornehmen, Friederike, danke schon mal für die Anregung!

Christa

Friederike Schmöe hat gesagt…

Prima, Christa. Meins ist immer dabei :)