Sonntag, 13. Februar 2011

Keas Unwörter: #Selbstoptimierung & #Coaching

Ladies & Gentlemen,
hier spricht wieder mal Kea Laverde,

und ich wollte heute mal richtig herziehen über meine zwei Lieblingswörter: Selbstoptimierung und Coaching.
"You don't get, what you deserve. You get, what you are." Irgendwo habe ich das auf Twitter gelesen. Zynischer gehts nicht. Erdbeben, Todesfälle, Krankheiten? Du bekommst, was du bist?

Dieses Gelaber von innerer Power, der geheimen Macht des Unterbewusstseins und sofort einsetzbaren inneren Kräften geht mir schon seit Jahr und Tag auf den Keks. Ich habe auch meine Lebenserfahrungen gemacht. Und als Geisterschreiberin sogar noch jene Erfahrungen nachvollzogen, die aus anderen Leben stammen. Ich weiß, dass es so was wie Schicksal gibt - kumulierende Ereignisse, die wir aus der griechischen Tragödie kennen, Situationen, in der wir nichts mehr richtig machen können, weil das Fatum uns mit sich reißt. Vermutlich haben sie in Amerika keinen Sophokles gelesen, deshalb glauben sie noch so sehr an die Macht des positiven Denkens. Wohin es die Nation geführt hat, darüber müssen wir nicht diskutieren. Pardon, ich mag Amerika. Es steht mir nicht zu, zu urteilen. Zurück zu meinen persönlichen Unwörtern.

Selbstoptimierung. Was ist mein Selbst? Was bedeutet es, dieses zu optimieren? Werde ich dadurch ein guter Mensch sein, ein guter Christ oder eine gute Christin? Ein besserer Mitbürger? Werde ich Nächstenliebe lernen und ein paar Leben besser machen? No way, so ist Selbstoptimierung nicht gemeint. Sie bedeutet üblicherweise: mehr Geld, mehr Erfolg, will heißen mehr Beachtung, tolleres iPhone, mehr Besprechungen in Zeitungen, ein schickeres Kostüm im Schrank und ab 40 blonde Strähnchen im Haar. Und wenn die Anschnallzeichen im Flieger erloschen sind, schnappst du dir dein Netbook und bastelst neue Formulare, entwirfst excel-Tabellen und errechnest die Rendite deiner Fondsanteile.

Coaching. Hurra, ich habe einen Coach. Einen Typen, der mir sagt, wie ich mehr aus mir machen kann. Im Sinne der Selbstoptimierung. Mehr Sport, mehr schöner Schein, mehr Weichspüler im Hirn, homogenisiert und gleichgewaschen. Ein erfolgreicher Coach hat schon viele zum Erfolg geführt. SOS! Er will mich so machen, wie er auch die anderen gemacht hat. Der Coach sagt: Mach dich wichtig, zeig dich, produziere dich, signalisiere, du bist der King, die Queen.

O.k., Sie habens kapiert, ich habe keinen Coach und ich brauche keinen. Ich gehöre zur aussterbenden Spezies jener, die lieber still sind, wenn andere sich wichtig machen. Die dazu stehen, dass sie sind wie sie sind, und nicht vorgeben, jemand anderes zu sein. Das hört sich echt und authentisch an, wie? Pardon; so versuche ich zu leben. Und ich will auch keiner von diesen sportelnden Rentnern werden, die mit 70 Marathon laufen. Ich will gemütlich im Café sitzen und auf ein Leben zurückschauen, in dem ich gelernt habe, zurechtzukommen mit den Knüppeln, die mir zwischen die Füße geworfen worden. In dem ich geliebt und gehasst und gelegentlich einen Joint geraucht habe. Das mir tiefe Erfahrungen schenkte und mir ein paar Narben mitgab. Ich hab ganz schön was abgekriegt, aber ich bin nicht aus der Bahn geschleudert worden. Ich habe ein paar Freunde. (Keine Coaches darunter). Ich kann kein ganz suboptimaler Mensch sein.

So, das musste mal raus.
Ihre
Kea Laverde

Kommentare:

Constantin Sander hat gesagt…

Hallo Frau Schmöe,
ich kann Ihre Aversion gegen diese Art von "Coaching" gut nachvollziehen. Denn die ist wenig wertschätzend und oft genug von der platten Ideologie des "positiven Denkens" geprägt. Was Sie schildern, ist die Art Coaching, bei der der Coach meint zu wissen, wie sich sein Klient verändern sollte. Das hat aber mit seriösem Coaching nichts zu tun. Beim professionellen Coaching ist der Coach Begleiter und Katalysator, aber nicht der Führer, der weiß, wo es lang geht. Ein seriöser Coach gibt Feedback, stellt Fragen, und gibt Anregungen zum Perspektivenwechsel. Er bohrt auch nach, und provoziert manchmal auch. Aber er gibt dem Coachee nicht die Richtung vor. Dabei geht es um Ziele des Klienten und seine Potentiale, diese zu erreichen. Herzliche Grüße
Constantin Sander

Friederike Schmöe hat gesagt…

Danke für den Kommentar. Vielleicht sollte Kea Laverde mal einem Coach die Biografie ghosten, damit sie einen anderen Eindruck bekommt? ;)
Viele Grüße!
Friederike Schmöe