Dienstag, 28. Dezember 2010

Meine Winterlesereise - My Winterly Reading Tour

In diesem Post ein paar Impressionen meiner Winterlesereise im November und Dezember 2010
This blog post gives you some impressions of my winterly reading tour in november and december 2010
17 Lesungen an 16 verschiedenen Orten
17 readings in 16 different cities

2112 gefahrene Kilometer
2112 kilometers done
Niedrigste Temperatur: -10°C
Coldest temperature: -10 °C
Verkaufte Bücher: an die 10.000 Exemplare
Books sold: approximately 10.000 copies










Dienstag, 21. Dezember 2010

Verschiebebahnhof

Hallo aus dem Shamrock,
hier spricht wieder mal Kea Laverde,

der Ghost aus den Schmöe-Krimis,
und Sie fragen, weshalb ich am hellichten Tag in einer, hm, Spelunke, rumsitze, anstatt wertvolle Arbeit fürs Bruttoinlandprodukt zu leisten?
Es ist ja nicht so meine Art, mich zu rechtfertigen, beileibe nicht, aber nun muss ich doch mal mit ein paar Stereotypen aufräumen, die sich um das Leben der kreativen Freiberufler ranken. Wir haben's ja so schön! Wir schlafen täglich aus, bis in die Puppen, beginnen beinahe sofort mit dem Rotweintrinken und verdienen ganz prächtig Kohle, indem wir ein Buch schreiben, es dem Verlag nach ca. 2 Jahren zuschicken und uns anschließend zurücklehnen, um Monate später auf Lesereise zu gehen, wobei wir selbstverständlich in den exklusivsten Vier-Sterne-Kästen übernachten.
Aber ich wollte nicht über Geld sprechen. Sondern über den Kampf, den wir, die Kreativen, gegen uns selbst führen. Nanu? Hat man da nicht mal was läuten hören von Schreibblockaden, die den Autor niederstrecken? Ein übermächtiges Monster im Kopf schlägt einem den Stift aus der Hand, zerfetzt kaum beschriebene Papierbögen und animiert den PC zu eigenmächtigem Handeln, so dass nichts mehr geht. Hm.
Ist bei mir eigentlich nie so.
Bei meiner Autorin auch nicht.
Wir leiden nicht an Schreibblockaden. Sie sind - den neurologischen und neurolinguistischen Recherchen meiner Autorin zufolge - auch höchst selten. Ein Schreibblockierter sitzt 12 Stunden am Schreibtisch und müht sich und tut was, schreibt einen Satz, killt ihn, schreibt zwei Wörter, streicht sie. Schuftet und quält sich bis in die späte Nacht hinein, aber es steht nichts da. Schreibblockaden, so die Neurologen, entstehen womöglich aufgrund einer Art Übererregtheit der Nervenzellen im Gehirn. Zuviele Ideen, zuviele Entwürde, zuviel von allem. Der Effekt: Der Kreativling ist paralysiert. Bewegungsunfähig wie ein geblendetes Reh auf der nächtlichen Landstraße.
Was die meisten Freiberufler aus dem schreibenden Genre (und sicher auch andere Künstler) dagegen recht häufig ereilt, ist die sogenannte Prokrastination. Das schlichte - Verschieben! "Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen", mahnten einst die wohlmeinenden Tanten. Muss wohl so sein.
Prokrastination, zu deutsch Verschieberitis, funktioniert so: Sie setzen sich morgens mit den besten Vorsätzen an Ihr aktuelles Projekt. Sie öffnen eine Datei und gleichzeitig Twitter. Sie lesen ein paar Blogs. Sie reißen sich eine halbe Stunde später los, schließen das Internet, denken scharf nach, um endlich ein paar Sätze aufs Papier zu bringen, und betrachten dabei die Zimmerdecke. Diese Spinnweben! Sie holen die Leiter, denn unter schwebendem Webkram hält kein Kreativer es lang aus. Die Leiter steht in der Abstellkammer, und auf dem Weg dahin fällt Ihnen ein, dass Sie noch so viele Äpfel im Keller haben, die verderben, wenn Sie nicht unverzüglich einen Apfelkuchen daraus backen.
That's life!
Nun erhalten wir eine Reihe von Tipps, im Internet, in der Erbauungsliteratur und von Verwandten und Nachbarn, die darauf hinauslaufen, wie wir uns am besten selbst optimieren und coachen können. Ich kriege die Milben, wenn ich nur das Wort "Selbstoptimierung" höre. Aber dazu ein andermal. Selbstverständlich wuchern die Ratschläge, wie die Verschieberitis zu überwinden sei. Meine Meinung dazu: Sie lässt sich sowieso nicht überwinden.
Menschen sind faul. Die Evolution hat sie so gemacht. Die Art spart ihre Kräfte fürs Überleben. An sich ziemlich vernünftig, nur von der eilenden, hastenden, hyperaktiven Super-Gesellschaft nicht akzeptiert. Von uns selbst deshalb auch nicht. Wir legen lange Erledigen-Listen an, um uns dann sagen zu lassen, dass man gerade diese Listen unbedingt kurz halten sollte, damit man sich nicht gleich beim Blick aus dem Augenwinkel auf jene Listen am liebsten aufhängen würde. Man soll möglichst alles, was sich gleich erledigen lässt, sofort wegschaffen. Und so weiter, und so bla.
Das Dumme ist nur: Ein Buch zu schreiben, ein Bild zu malen oder einen Plot zu entwickeln für das nächste Exposé - das passt nicht auf eine Tu-Das-Liste. Man kann es draufschreiben, und wohl klappt stringentes Planen und Arbeiten, wenn es darum geht, einzelne Szenen zu überarbeiten, Dialoge zu schärfen oder Klappentexte zu formulieren. Aber kreatives Schaffen, künstlerisches Tun lebt vom Spielen, vom Ausprobieren, von Fragmenten. Kreativität wächst im Experimentieren, im Ansammeln und Weglegen, im Zusammentragen und Ausstreichen, im Herumblödeln, im fröhlichen, ineffizienten Existieren. Guck in die Luft und erfinde deine Geschichte! Rumfuddeln, kritzeln, aufräumen, dabei Musik hören, ein Glas Rotwein trinken (eins!), in der Kneipe sitzen oder einen experimentellen Film im Programmkino sehen - das gehört zur kreativen Arbeit dazu, es ist der fliegende Teppich des Künstlers, Schriftstellers, Geisterschreibers. Auch wenn die Managementwelt, wenn sämtliche hochbezahlten Coaches behaupten, es sei Prokrastination - es ist eben KEINE, bei der Meinung bleibe ich, und so sei es, ich habe noch alle Projekte rechtzeitig fertigbekommen, und deswegen sitze ich jetzt im Shamrock und regen Sie mich doch nicht auf mit Ihren Bravbürgerverortungen, ich bin ohnehin ein Geist.
Wenn Sie sich jetzt jedoch ein klein bisschen angesprochen fühlen: Versöhnen Sie sich mit Ihrer Verschieberitis. Sie ist o.k.
Allerbestens,
Ihre Kea Laverde.

Freitag, 17. Dezember 2010

Seite 99

Mariam Kobras hat mich auf die Idee gebracht, und sie selbst hat die Idee irgendwo anders aufgegabelt. Die Spuren verlieren sich. Der Einfall ist trotzdem klasse: Publiziere vorab Seite 99 deines noch nicht veröffentlichten, neuen Romans.
Voilà:
Genießen Sie S. 99 des 5. Kea-Laverde-Krimis, dessen Erscheinen für Februar 2011 geplant ist - "Wernievergibt"

Sopo seufzte. »Das kann man so nicht beantworten.«

»Warum nicht? Einer muss zuerst geschossen haben!«

»Nein. Ich meine, es hat all die Jahre zuvor Probleme
gegeben. Provokationen, ethnischen Hass auf beiden Seiten.
« Sie stülpte die Sonnenbrille über ihr Gesicht.

»Was denn für Provokationen?«

»Lass sie in Frieden«, raunte Juliane. »Sie will nicht darüber
sprechen. Merkst du das nicht?«

Ich dachte an meine Agentin und ihren Hunger nach
politischen Dimensionen in Reiseartikeln.

»Mit uns war ein EU-Diplomat im Flugzeug«, sagte
Juliane. »Ich habe seine Mailadresse. Frag den.«

Ich glotzte, als sei soeben Prometheus vor mir von seinem
Felsen gestiegen.
»EU-Diplomat?«

»Du warst auf dem Flug ja völlig neben der Mütze. Ein
netter Kerl, seit Jahren im Auftrag der Europäischen Union
als Sondergesandter für Georgien unterwegs.«

»Das heißt …«

»Ja, das bedeutet, dass die EU sich dafür interessiert, was
hier in diesem Land passiert, und das ist verdammt noch mal
wirklich notwendig. Stell dir vor, sie brechen uns Rheinland-
Pfalz aus der Landkarte. Oder das Ruhrgebiet.«

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mich das in die
Depression stürzen würde. Politik interessierte mich nicht,
aber diese Aussage würde Juliane fuchtig machen, und nach
Zank stand mir nicht der Sinn. »Dann hätten wir einfach
ein paar Meckerliesen weniger«, murmelte ich. Bei dem
Fahrtwind konnte ich mich selbst kaum hören.

»Gleich sind wir in Gori«, meldete sich Sopo zurück.
Der angespannte Ausdruck auf ihrem Gesicht war verblasst.


Samstag, 11. Dezember 2010

Mein Lieblingsbuch

Jemand fragte mich auf einer Lesung, was denn mein Lieblingsbuch unter meinen eigenen Büchern sei. Ich musste erst mal ein bisschen nachdenken. Irgendwie sind einem all diese Projekte ja ans Herz gewachsen. Aber einige enger als andere. Manche (eigene) Bücher werfen immer noch Schatten. So ist das bei mir mit "Bisduvergisst" (s. auch hier).

Klappentext:
Sommer 2009, während der Landshuter Hochzeit. Als die 82-jährige Irma Schwand die niederschmetternde Diagnose Alzheimer erhält, beauftragt sie die Münchner Ghostwriterin Kea Laverde, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Die Autobiografie ist für ihre Enkelin Julika bestimmt. Doch kurz nach dem letzten Interview mit Irma wird das Mädchen ermordet aufgefunden. Während der Kokon des Vergessens sich immer enger um die alte Dame schließt, entdeckt Kea, dass Irma jahrzehntelang einen Mord gedeckt hat - ein Tat, die in den letzten Wochen des 2. Weltkrieges geschah ...
Ausgegangen war ich von der Frage, was eigentlich passiert, wenn ein Demenzpatient Zeuge eines Mordes wird, vergisst, was er gesehen hat, das Erlebte jedoch in Fetzen wiederkommt. Ich wollte eine Figur zeigen, die an Alzheimer erkrankt ist und dies weiß.
Erstgedanken von Autoren wandeln sich ja bekanntlich im Laufe eines Projekts, und so kam ich von der Ursprungsfrage ziemlich weit weg. Geblieben ist die Figur der Irma Schwand, einer Alzheimerpatienten, deren spätes Lebensglück darin liegt, dass ihre Enkelin Julika zu ihr zieht. Zwischen beiden scheint eine Seelenverwandtschaft zu existieren. Irma liebt Julika abgöttisch. Doch dann wird Julika ermordet, und der Schock verleiht Irmas Erkrankung einen Schub. Sie versinkt im Vergessen.

Hauptfigur Kea Laverde, Ghostwriterin, steht mit Irma in Kontakt, weil Irma sie gebeten hat, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Und hier komme ich als Autorin ins Spiel: Irmas Lebensgeschichte in "Bisduvergisst" ist nur zu Teilen fiktiv - ein Großteil ihrer Erlebnisse, von denen sie Kea berichtet, reichen zurück in die letzten Wochen des zweiten Weltkrieges. Beinahe die exakt gleiche Geschichte hat eine Zeitzeugin mir erzählt; zunächst kamen wir ganz zweckfrei darauf. Später dachte ich dann, ich könnte dieses für unsere Generation gänzlich unvorstellbare Abenteuer für einen Roman verwenden, und bat die Zeitzeugin um ihre Erlaubnis. Die bekam ich - sofern die Quelle anonym bliebe.

Da stand ich nun - mit Irmas Trauer, einer wahren Geschichte und dem Anspruch: Es soll ja ein Krimi sein. Also habe ich Irmas Lebensgeschichte einen Mord mitgegeben. Irma Schwand fühlt zeitlebens eine unerträgliche Schuld auf ihren Schultern. Doch erst Keas Recherchen bringen ans Licht, dass Irma ...

Nun ja.

Vermutlich ist es einfach so: "Bisduvergisst" ist mir so nahe, weil ich - wie Kea - einmal Ghost war. Gelauscht habe, eine wahre Geschichte erzählerisch wiedererstehen ließ, wenn auch für die belletristische Verwertung verfremdet. Echte Menschen und echte Geschichten lassen eben niemanden kalt.

Freitag, 3. Dezember 2010

Die Entdeckung neuer Welten - Discovering the universe

Krimiautoren auf Tour - Crimewriters on tour
Neues Ambiente und andere Settings suchen - Checking a new ambience and impressive settings






Mittwoch, 1. Dezember 2010

Lust auf mehr Punsch?


Zum Appetitmachen hier ein Teil des ersten Kapitel aus "Süßer der Punsch nie tötet" als Leseprobe:

1. Dezember

(...)

(Im Kochkurs)

Katinka entschied sich für Spaghetti Bolognese, allerdings mit selbstgemachter Hackfleischsoße, rührte gemächlich im Topf und beobachtete dabei die anderen Kochschüler. Halb Männer, halb Frauen, der Kurs schien gut durchgemischt.

„Die Jungs haben wahrscheinlich eine sexy Sizilianerin erwartet“, flüsterte Katinkas Herdnachbarin, eine dralle Frau, die sich an Saltimbocca alla romana versuchte. „Mein Ex würde nie einen Kochkurs machen! Und deswegen mache ich jetzt einen.“ Trotzig schnitt sie ein großzügiges Stück Butter ab.

PLOPP! Die Bolognesesoße war am Explodieren. Hastig rührte Katinka im Topf, drehte die Hitze zurück. Sie gab etwas von Gefells Chiliflocken in ihre Soße. Kurz darauf übergoss sie die Pasta mit dem blubbernden Sugo.

„Schmeckt es?“, fragte Caro Terento, die an Katinkas Platz vorbeikam, und probierte ungeniert direkt aus dem Topf. „Überzeugend, Signorina, überzeugend. Etwas zu pikant für meinen Geschmack, aber überzeugend.“

Katinka aß heißhungrig zwei große Schüsseln Nudeln, testete das Risotto eines anderen Teilnehmers und überlegte, welches Gericht sie als Nachspeise auswählen sollte, als ein Miauen sie aufschreckte.

Sie fuhr herum.

Die dralle Frau, die neben ihr am Herd gestanden hatte, hüpfte auf allen Vieren im Kreis und miaute. Sie schwang den Kopf hin und her, schrie jämmerlich auf, warf sich gegen das Bein eines Mannes, der es sich gerade mit seinem Hähnchenbrustfilet alla barbaresca gemütlich gemacht hatte. Eine Cherrytomate plumpste ihm von der Gabel, direkt vor die Nase der kleinen Frau, die mit dem Mund danach schnappte, die Tomate schluckte, aufkeuchte und mit einem Stöhnen am Boden liegenblieb.

„Madonna!“, schrie Caro Terento und kniete sich neben die Frau. „Rufen Sie einen Arzt, schnell! Sie atmet nicht mehr.“

Alle Teilnehmer standen mucksmäuschenstill da, wie versteinert. Dann endlich kam Bewegung in die Truppe, mehrere zückten gleichzeitig ihre Handys. Katinka hockte sich zu Caro Terento und tastete nach dem Pulsschlag. „Nichts“, sagte sie, nachdem ihre Finger mehrere Sekunden lang über den Hals der drallen Frau gewandert waren, die eben noch ihre Show abgezogen hatte.

„Madonna!“, wimmerte die Terento und warf die Arme in die Luft.

Katinka wählte Hardos Nummer. Ein Arzt würde hier nicht mehr helfen können.

„Was ist los?“, bellte Hardo in den Hörer. Er war wie immer total überarbeitet. Katinka stellte sich vor, wie er erschöpft über seinen kahlen Kopf strich.

„Mord im Kochkurs.“

„Du machst Witze!“

„Mach ich nicht. Schickt jemanden vorbei.“ Sie trank Wasser direkt vom Hahn an der Spüle. Gefells Chili hatte es in sich.

Alle Rechte vorbehalten.
Friederike Schmöe: Süßer der Punsch nie tötet. Ein bitterböser Krimi zum Advent. Meßkirch, Gmeiner, 2010. 978-3-8392-1090-1. Jetzt in der 2. Auflage. € 8,90.