Donnerstag, 25. Februar 2010

Über Erklärungen

Wieviel Erklärung möchten Leser am Ende eines Buches haben? Manche finden die zusammenfassenden Bemerkungen (ja, o.k., meist in Dialogform) im letzten Kapitel schon zu viel, andere beschweren sich, weil nicht alles haarklein aufgelöst wird. Gerade im Krimi ist das ja ein Punkt: Schließlich haben wir Autoren eine Menge Spuren ausgelegt, um uns dann geschickt bis zur Auflösung auf eine einzige zu reduzieren.
Die erfolgreichen Kollegen sagen: Das Ende muss einfach großartig sein! Es muss den Kreis zum Anfang schließen. Kleinigkeiten dürfen ausgelassen werden - denn auch im wirklichen Leben interessiert man sich für das große Ganze (also: Wer mit Wem und Wie Oft, aber kein ganzes Protokoll). Es geht um Emotion und Läuterung, nicht um Details. Es geht um das Feeling, das der Leser hat, wenn er das Buch weglegt: "Ist ja nochmal gut gegangen."

Sonntag, 21. Februar 2010

Sprach-Fragmente

"Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt." (Ludwig Wittgenstein)
Wo immer ich bin - meine Sprache ist bei mir. In mir. Mit mir. Sie ist durch mich. Anders als Wittgenstein glaube ich aber nicht, dass sie viele Grenzen hat. Ist es eine Frage der Virutosität? Auf dem Sprachklavier klimpern kann jeder, aber Kunst machen?
Wittgenstein meinte eher: Wenn meine Sprache eine Ausdrucksmöglichkeit nicht besitzt, so vermag ich das 'unausdrückbare' Konzept auch nicht zu verstehen oder zu verinnerlichen. Das ist umstritten. Irgendwie stimmt es. Und stimmt doch nicht.
Wir Linguisten vertreten die Ansicht, dass jede Sprache alles auszudrücken vermag (ausgenommen Fachterminologie, aber darum geht es hier nicht).
Wenn ich reise, ist meine Sprache meine Heimat. Zu Hause auch. Meine Mutter-Sprache. Meine Sprache meine Mutter, mein Land mein Vater? Hm. Sprache kann tragen, wie Verse tragen.
"Die gleiche Sprache sprechen" sagt man und meint: Wir haben die gleiche Einstellung, die gleichen Ideen von der Welt. Wir fühlen Einverständnis.
"Jemandem verschlägt es die Sprache": Da ist etwas kaum zu fassen, kaum zu begreifen, erscheint vollkommen abwegig. Oder: Jemand spielt den Empörten.
Euphemismen tun der Sprache weh, und Umberto Eco bezeichnet die politische Korrektheit als "rote Brigaden der Sprache" - Sprache als Schlachtfeld?
Sogar Bilder können eine Sprache sprechen, eine deutliche. Man kann Taten sprechen lassen.
Ein fragmentarischer Post: Sprache über Sprache.

Donnerstag, 18. Februar 2010

CrimeTime: Leg endlich die Leiche ab!

Manche von uns haben im Deutschunterricht noch gelernt, was Exposition ist. Sagen wir's mal so: Langweiliges Rumgerede über das Vorleben der Figuren, und warum Ralph mit Brunhildes Ex-Schwiegermutter verkracht ist, nämlich seit deine Cousine dritten Grades das Landgut in Schottland verkauft hat, wo bis ins 18. Jahrhundert die Vorfahren von ...
Ödnis. Sogar Bücher sogenannter Bestsellerautoren kranken mitunter an viel zu langen Expositionen (Ausschweifungen!) - besser: Loslegen, reinhauen, Leiche zeigen! (Und es ist KEIN Gerücht, es GIBT diese Debatten unter Autorenkollegen über die Frage, auf welcher Seite spätestens die erste Leiche liegen muss ...)

Sonntag, 14. Februar 2010

Spontan!

Manchmal klappt es wirklich. Spontan im Schreiben sein. Die Charaktere überraschen mich. Ich steuere, lenke, mache - aber sie entscheiden anders. Das ist gut. So soll das sein! Es hilft, das Buch unvorhersagbar zu machen. Solche Bücher lese ich persönlich ja gern (und wie so viele meiner Leser lese ich viel und sehe viele Filme! Man kennt also die Kniffe des Genres). Nur solche! Am liebsten will ich gar nicht wissen, wo alles hinführt. Ich möchte nicht einmal wissen, was überhaupt los ist. Aber was ich will: Mit der Hauptfigur fürchten, Panik schieben, kämpfen, rennen, handeln - und erlöst werden. Deshalb: Weg von den eingefahrenen Wegen, raus aus den ausgetretenen Spuren. Rein in den Dschungel.

Mittwoch, 10. Februar 2010

CrimeTime: Vorher wissen, wie?

Überrasche den Leser! Sagen die Leute, die es wissen müssen. Erfahrene Autoren zum Beispiel. Besonders im zweiten Akt, wenn's rasant zur Sache ging, aber dann zur Mitte hin durchhängt. Vielleicht lautet die Anweisung aber vielmehr: Autor, überrasche dich selbst! Denn das sind die klasse Plots, in denen sich plötzlich eine Seitentür auftut, wo es hindurchgeht, ganz woanders hin, als man eigentlich wollte. Was tun, wenn die Türen sich nicht von selbst öffnen? Manchmal funktioniert diese Strategie: Ich überlege mir, was in dieser Situation, in der meine Figuren stecken, die plausibelste, erwartbarste Handlung wäre. Dann lasse ich sie das Gegenteil tun. Manchmal hilft's!

Samstag, 6. Februar 2010

Was meinen Sie eigentlich mit ... ?

In Schreibwerkstätten stelle ich oft fest, wie eloquent die Teilnehmer ihre Gedanken erklären können. Sie schreiben sie dann allerdings so verquast auf, dass man als Leser mehrere Minuten braucht, um sich ein ungefähres Bild vom Verlauf der bisherigen Schreibschlacht zu machen.
Wenn im Kreativ-Schreiben-Kurs die Zeit für die Kunst der Kritik (genau, für die Kunst!) gekommen ist, pflücke ich gerne miese Sätze aus dem Text und frage dann den Verfasser oder die Verfasserin:
"Was haben Sie damit gemeint?" - Sofort kommen tolle Antworten. Verständlich, klar, einsichtig.
"Dann schreiben Sie es so hin!" - Diesmal ist die Antwort ein Grinsen.
Klar. Sie haben's verstanden. Schreiben Sie Ihre (komplizierte, simple, verworrene ...) Aussage so hin, wie Sie sie auch jemandem erklären würden. Vielleicht noch ein bisschen einfacher. Noch transparenter.
Danke.

Donnerstag, 4. Februar 2010

Druckfrisch!

Kaum 2 Wochen, nachdem wir Gmeiner-Autoren die Fuldaer Verlagsanstalt besucht haben, ist der neue Krimi da: Bisduvergisst. Ein dritter Fall für Kea Laverde. Meßkirch, Gmeiner 2010. ISBN 978-3-8392-1034-5. In der Druckerei konnten wir bewundern, wie unsere Bücher gedruckt, gefalzt, gebunden, mit einem schicken Cover versehen und zurechtgeschnitten werden. "Bisduvergisst" lief zwar gerade nicht durch die Maschinen, aber dafür eines von Kollege Manfred Bomm: "Kurzschluss". Seltsames Gefühl: Zuerst ist nur eine Idee da, ein Gedanke, und dann - plötzlich - Materie! Geheimnis des geistigen Arbeitens.
Und darum geht's in "Bisduvergisst":
Landshut im Sommer 2009. Während in der Stadt Hunderttausende die Landshuter Hochzeit feiern, wird die 82jährige Irma Schwand mit einer niederschmetternden Diagnose konfrontiert: Alzheimer-Demenz. Irma, die um ihre Erinnerungen fürchtet, beauftragt die Münchner Ghostwriterin Kea Laverde, ihre Autobiografie zu schreiben. Diese soll für ihre Enkelin Julika sein. Doch kurz nachdem Kea alle Informationen für das schmale Buch über Irmas Lebensgeschichte beisammen hat, wird das Mädchen ermordet aufgefunden. Die Kriminalbeamten finden bei Julika eine CD mit einer unbekannten Software. Aber auch Kea macht eine verstörende Entdeckung: Irma deckt seit Jahrzehnten einen Mord - eine Tat, die in den letzten Wochen des zweiten Weltkriegs geschah. Und der Kokon des Vergessens schließt sich immer enger um die alte Dame ...

Keas Unwörter: #Experte#

Geistern kann man alles Mögliche vorwerfen. Aber mit den Wörtern gehen wir gnädig um. Wir überlegen, ehe wir sie verwenden, und wenn wir sie doch nicht mögen, tauschen wir sie aus. Es gibt nämlich genug davon. (Meine Autorin gibt gerade durch, ein gebildeter Deutschsprachiger beherrsche etwa 100.000 Wörter - aha!) Daher kriege ich ziemlich die Milben, wenn mir Wörter um die Ohren geschleudert werden, die nichts tun, als die Wirklichkeit zu verdunkeln (denn ich habe gelernt, dass ein Text vor allem eines sein muss: klar und verständlich), solche Verdunklungswörter nennen die Kundigen dann "Euphemismen". Wie auch immer sie heißen, sie sind grässlich, und "Experte" ist so eines. Gestern hörte ich mal aufmerksam Nachrichten, um den Wetterbericht nicht immer zu verpassen. Da kam in absolut jeder Nachricht ein Experte vor. Krisen-Experte, Experte für Fels-auf-Haus-Sturz, Euro-Experte, Schnee-Experte. Ich frage mich - wo kommen die eigentlich alle so schnell her? Melden die sich beim TV und sagen: Hallo, ich bin der xy-Experte? Witzig wirds, wenn die Experten sich widersprechen oder einen Tag später ihre Prognosen sich als falsch erweisen: So geschehen auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise. Verschiedene Expertengruppen (o weh, die treten in Rudeln auf) sagten unterschiedliche Desaster voraus, aber keiner wunderte sich am nächsten Tag, wenn's nicht stimmte. Sind Experten so eine Art Nachrichten-Füllsel? Pausenclowns, damit die Sendung voll wird? Eine Chance, das Medium "Interview" in einem Artikel unterzubringen - möglichst als Einklinker oder als Info-Kasten?
Also, ich habe mir noch kein Etikett auf die Stirn geklebt, aber ich mach das jetzt:
Kea Laverde,
Geist,
Expertin für alles, was spukt.

Dienstag, 2. Februar 2010

Pardon, haben Sie etwas zu sagen?

Kea Laverde hier,
und haben Sie auch ein dummes Gefühl gegenüber Texten von Autoren, die ihr Handwerk in Literaturinstituten gelernt haben? Sie können erzählen, aber sie haben keine Ahnung, was. Sie schreiben ungefährdetes, gebügeltes Blabla nach den Regeln des Literaturbetriebs. Ödes, banales Zeug. Die gleichen Fatzkes werfen mir als Ghost aber mangelnde Fantasie, Null Intellektualität und Käsefüße vor.
Ähnlich läuft es bei manchem Schinken auf der Bestseller-Liste, wo ich nach drei Seiten die Ingredienzien aus der Creative-Writing-Kiste rausgefiltert habe. Immer die gleichen Zutaten, einmal gerührt, dann geschüttelt, verquirlt oder gemostet. Bloß nichts Eigenes, Unerwartetes, Gewagtes, Neues, Anderes.
Und dann mir vorwerfen, ich hätte nichts zu sagen ...
Ihre
Kea Laverde