Dienstag, 21. Dezember 2010

Verschiebebahnhof

Hallo aus dem Shamrock,
hier spricht wieder mal Kea Laverde,

der Ghost aus den Schmöe-Krimis,
und Sie fragen, weshalb ich am hellichten Tag in einer, hm, Spelunke, rumsitze, anstatt wertvolle Arbeit fürs Bruttoinlandprodukt zu leisten?
Es ist ja nicht so meine Art, mich zu rechtfertigen, beileibe nicht, aber nun muss ich doch mal mit ein paar Stereotypen aufräumen, die sich um das Leben der kreativen Freiberufler ranken. Wir haben's ja so schön! Wir schlafen täglich aus, bis in die Puppen, beginnen beinahe sofort mit dem Rotweintrinken und verdienen ganz prächtig Kohle, indem wir ein Buch schreiben, es dem Verlag nach ca. 2 Jahren zuschicken und uns anschließend zurücklehnen, um Monate später auf Lesereise zu gehen, wobei wir selbstverständlich in den exklusivsten Vier-Sterne-Kästen übernachten.
Aber ich wollte nicht über Geld sprechen. Sondern über den Kampf, den wir, die Kreativen, gegen uns selbst führen. Nanu? Hat man da nicht mal was läuten hören von Schreibblockaden, die den Autor niederstrecken? Ein übermächtiges Monster im Kopf schlägt einem den Stift aus der Hand, zerfetzt kaum beschriebene Papierbögen und animiert den PC zu eigenmächtigem Handeln, so dass nichts mehr geht. Hm.
Ist bei mir eigentlich nie so.
Bei meiner Autorin auch nicht.
Wir leiden nicht an Schreibblockaden. Sie sind - den neurologischen und neurolinguistischen Recherchen meiner Autorin zufolge - auch höchst selten. Ein Schreibblockierter sitzt 12 Stunden am Schreibtisch und müht sich und tut was, schreibt einen Satz, killt ihn, schreibt zwei Wörter, streicht sie. Schuftet und quält sich bis in die späte Nacht hinein, aber es steht nichts da. Schreibblockaden, so die Neurologen, entstehen womöglich aufgrund einer Art Übererregtheit der Nervenzellen im Gehirn. Zuviele Ideen, zuviele Entwürde, zuviel von allem. Der Effekt: Der Kreativling ist paralysiert. Bewegungsunfähig wie ein geblendetes Reh auf der nächtlichen Landstraße.
Was die meisten Freiberufler aus dem schreibenden Genre (und sicher auch andere Künstler) dagegen recht häufig ereilt, ist die sogenannte Prokrastination. Das schlichte - Verschieben! "Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen", mahnten einst die wohlmeinenden Tanten. Muss wohl so sein.
Prokrastination, zu deutsch Verschieberitis, funktioniert so: Sie setzen sich morgens mit den besten Vorsätzen an Ihr aktuelles Projekt. Sie öffnen eine Datei und gleichzeitig Twitter. Sie lesen ein paar Blogs. Sie reißen sich eine halbe Stunde später los, schließen das Internet, denken scharf nach, um endlich ein paar Sätze aufs Papier zu bringen, und betrachten dabei die Zimmerdecke. Diese Spinnweben! Sie holen die Leiter, denn unter schwebendem Webkram hält kein Kreativer es lang aus. Die Leiter steht in der Abstellkammer, und auf dem Weg dahin fällt Ihnen ein, dass Sie noch so viele Äpfel im Keller haben, die verderben, wenn Sie nicht unverzüglich einen Apfelkuchen daraus backen.
That's life!
Nun erhalten wir eine Reihe von Tipps, im Internet, in der Erbauungsliteratur und von Verwandten und Nachbarn, die darauf hinauslaufen, wie wir uns am besten selbst optimieren und coachen können. Ich kriege die Milben, wenn ich nur das Wort "Selbstoptimierung" höre. Aber dazu ein andermal. Selbstverständlich wuchern die Ratschläge, wie die Verschieberitis zu überwinden sei. Meine Meinung dazu: Sie lässt sich sowieso nicht überwinden.
Menschen sind faul. Die Evolution hat sie so gemacht. Die Art spart ihre Kräfte fürs Überleben. An sich ziemlich vernünftig, nur von der eilenden, hastenden, hyperaktiven Super-Gesellschaft nicht akzeptiert. Von uns selbst deshalb auch nicht. Wir legen lange Erledigen-Listen an, um uns dann sagen zu lassen, dass man gerade diese Listen unbedingt kurz halten sollte, damit man sich nicht gleich beim Blick aus dem Augenwinkel auf jene Listen am liebsten aufhängen würde. Man soll möglichst alles, was sich gleich erledigen lässt, sofort wegschaffen. Und so weiter, und so bla.
Das Dumme ist nur: Ein Buch zu schreiben, ein Bild zu malen oder einen Plot zu entwickeln für das nächste Exposé - das passt nicht auf eine Tu-Das-Liste. Man kann es draufschreiben, und wohl klappt stringentes Planen und Arbeiten, wenn es darum geht, einzelne Szenen zu überarbeiten, Dialoge zu schärfen oder Klappentexte zu formulieren. Aber kreatives Schaffen, künstlerisches Tun lebt vom Spielen, vom Ausprobieren, von Fragmenten. Kreativität wächst im Experimentieren, im Ansammeln und Weglegen, im Zusammentragen und Ausstreichen, im Herumblödeln, im fröhlichen, ineffizienten Existieren. Guck in die Luft und erfinde deine Geschichte! Rumfuddeln, kritzeln, aufräumen, dabei Musik hören, ein Glas Rotwein trinken (eins!), in der Kneipe sitzen oder einen experimentellen Film im Programmkino sehen - das gehört zur kreativen Arbeit dazu, es ist der fliegende Teppich des Künstlers, Schriftstellers, Geisterschreibers. Auch wenn die Managementwelt, wenn sämtliche hochbezahlten Coaches behaupten, es sei Prokrastination - es ist eben KEINE, bei der Meinung bleibe ich, und so sei es, ich habe noch alle Projekte rechtzeitig fertigbekommen, und deswegen sitze ich jetzt im Shamrock und regen Sie mich doch nicht auf mit Ihren Bravbürgerverortungen, ich bin ohnehin ein Geist.
Wenn Sie sich jetzt jedoch ein klein bisschen angesprochen fühlen: Versöhnen Sie sich mit Ihrer Verschieberitis. Sie ist o.k.
Allerbestens,
Ihre Kea Laverde.

Kommentare:

`Christa hat gesagt…

Danke, liebe Kea, so hat schon lange keiner mehr zu mir gesprochen! Verschieberitis ist eine schöne, sogar wertvolle Störung der einfahrigen Autobahn im Kopf. Und wenn es einen Termin gibt, wird eben alles darauf fokussiert.

Herzlichst
Christa

Mariam Kobras hat gesagt…

Ha, perfekt. Und genau da, wo ich gerade bin.
Jetzt könntest du noch einen Blog schreiben über die vielen sinnlosen "Tips" und "How-to" die auf Twitter so rumschwirren und und erklären wollen, wie man eigentlich einen Roman schreibt. Als ob es dafür ein Rezept gäbe...

Friederike Schmöe hat gesagt…

Liebe Christa, liebe Mariam,

danke für Eure Ermunterung. Ist doch auch wahr, die Coaches gehen mir schon länger auf den Geist. Beitrag über Selbstoptimierung wird auch noch verfasst, versprochen. (Mal bei Kea anfragen, wann sie Bock drauf hat...)
Beste Grüße!
Friederike

www.kunsthafen.blogspot.com hat gesagt…

Liebe Friederike,

ein Gesegnetes Weihnachtsfest und einen Guten Rutsch ins Neujahr wünsche ich Dir und Deine Lieben!

Friederike Schmöe hat gesagt…

Danke! Auch meine besten Wünsche für schöne Feste und ein inspiriertes neues Jahr 2011!