Freitag, 17. Dezember 2010

Seite 99

Mariam Kobras hat mich auf die Idee gebracht, und sie selbst hat die Idee irgendwo anders aufgegabelt. Die Spuren verlieren sich. Der Einfall ist trotzdem klasse: Publiziere vorab Seite 99 deines noch nicht veröffentlichten, neuen Romans.
Voilà:
Genießen Sie S. 99 des 5. Kea-Laverde-Krimis, dessen Erscheinen für Februar 2011 geplant ist - "Wernievergibt"

Sopo seufzte. »Das kann man so nicht beantworten.«

»Warum nicht? Einer muss zuerst geschossen haben!«

»Nein. Ich meine, es hat all die Jahre zuvor Probleme
gegeben. Provokationen, ethnischen Hass auf beiden Seiten.
« Sie stülpte die Sonnenbrille über ihr Gesicht.

»Was denn für Provokationen?«

»Lass sie in Frieden«, raunte Juliane. »Sie will nicht darüber
sprechen. Merkst du das nicht?«

Ich dachte an meine Agentin und ihren Hunger nach
politischen Dimensionen in Reiseartikeln.

»Mit uns war ein EU-Diplomat im Flugzeug«, sagte
Juliane. »Ich habe seine Mailadresse. Frag den.«

Ich glotzte, als sei soeben Prometheus vor mir von seinem
Felsen gestiegen.
»EU-Diplomat?«

»Du warst auf dem Flug ja völlig neben der Mütze. Ein
netter Kerl, seit Jahren im Auftrag der Europäischen Union
als Sondergesandter für Georgien unterwegs.«

»Das heißt …«

»Ja, das bedeutet, dass die EU sich dafür interessiert, was
hier in diesem Land passiert, und das ist verdammt noch mal
wirklich notwendig. Stell dir vor, sie brechen uns Rheinland-
Pfalz aus der Landkarte. Oder das Ruhrgebiet.«

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mich das in die
Depression stürzen würde. Politik interessierte mich nicht,
aber diese Aussage würde Juliane fuchtig machen, und nach
Zank stand mir nicht der Sinn. »Dann hätten wir einfach
ein paar Meckerliesen weniger«, murmelte ich. Bei dem
Fahrtwind konnte ich mich selbst kaum hören.

»Gleich sind wir in Gori«, meldete sich Sopo zurück.
Der angespannte Ausdruck auf ihrem Gesicht war verblasst.


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