Mittwoch, 24. November 2010

Sie fühlen sich schuldig?

Guten Tag, hier spricht Kea Laverde,
wieder von ihrem Hauptquartier im Shamrock aus. Hier kann ich nämlich ungestört arbeiten. Man kennt mich und lässt mich in Ruhe schreiben, und wer mich nicht kennt, lässt mich schon gleich dreimal in Ruhe, denn ich kann so richtig unnahbar gucken.
Selbst zu Hause, wenn ich schreibe, an einem Projekt arbeite, redigiere und so weiter, habe ich den Anrufbeantworter zwischen mich und die Welt geschaltet. Es ist nämlich echt leicht, sich schuldig zu fühlen, weil man Anrufe nicht entgegennimmt, Mails nicht liest und Blumenbeete nicht bewässert.

Zugegeben: Es ist sehr einfach, sich schuldig zu fühlen, weil man Aufgaben ignoriert, die nicht mit dem Schreiben zu tun haben. Weil wir gelernt haben, in der Schule und später an der Uni und dann im Arbeitsleben, und weil wir das, seit wir keine Kinder mehr sind, selten hinterfragt haben, weil sich viele von uns eine Familie angelacht haben, in der ständig einer was von uns will ... also wir haben folgendes gelernt: Ich selbst, mit meinem Bedürfnis, einfach zu sein, meinen Vorlieben nachzugehen, das zu tun, was ich liebe und was ich gut kann, komme immer als letzte dran. Weil alles andere wichtiger ist, bedeutender, wertvoller. Weil - aus irgendeinem der Welt seit Anbeginn mitgegebenem Grund - das Reparieren einer Wasserleitung besser, wichtiger und teurer (!) ist als das Schreiben eines neuen Kapitels in einem Liebesroman.

Geben Sie es doch zu, wenn Sie Autorin oder Ghost sind: Sie sind auch schon in die Schuldfalle getappt, weil sie einem Kunden, Kumpel oder eine Kaffeekränzchenfreundin von früher die kalte AB-Schulter gezeigt haben. Nur - wie sonst soll das funktionieren mit uns Freiberuflern.
Die Laverde arbeitet daheim, die ist sowieso da. Sagen sich diverse Menschen und schwupps haben sie meine Nummer gewählt und hängen in meiner Leitung, unterbrechen den Fluss der Ideen. Sie blocken mich, wenn es nicht so dramatisch läuft, höchstens ein paar Minuten, bis ich wieder - aufseufzend - im Plot meiner Geschichten versinke. Wenn es fies läuft, ist der ganze Tag versaut. Schlechte Laune: "Warum musste mich der auch anrufen!" Selbstanschuldigung: "Wieso habe ich nicht den AB angeschaltet!" Ärger: "Wie soll ich eigentlich meine Abgabefrist einhalten?"
Der Energiestrom ist tot, aus, vorbei, da bewegt sich nichts mehr, du stehst auf, braust dir einen Kaffee, schäumst Milch, die Bewegung, die eigentlich die Finger über die Tasten schicken sollte, ist irregeleitet und betätigt Kaffeefilter und Zuckerstreuer.

Nein, so nicht.
Ich habe beschlossen: Ich fühle mich nicht mehr schuldig. Auch wenn Frau Laverde senior fünfmal auf mein Band spricht - ich lasse sie sprechen, dann hat sie sich ihren Kram von der Seele geredet. Wenn ich schreibe, schweigt die Welt. Ich bin zufrieden, weil ich Prioritäten setze und konsequent handele. Ob Störenfriede auch zufrieden sind, ist deren Bier. Für deren Seelenfreude bin ich nicht zuständig. Ich verspreche lediglich, dass ich zurückrufe, wenn Sie meinem elektronischen Stellvertreter eine Nachricht anvertrauen.
Kommen Sie schon, Sie können sich doch allen Ernstes nicht mehr schuldig fühlen. Dann sind Sie aber wirklich selbst schuld!

Kommentare:

Mariam Kobras hat gesagt…

There are two ways to be a writer: either you take yourself seriously, or you aren't one at all.

Christa hat gesagt…

Liebe Friederike,

dieser Beitrag war mir mal wieder aus dem Herzen gesprochen! Ich habe schon oft Antworten auf das gefunden, was mich gerade umtreibt.

Herzlichst
Christa

Matthias Brömmelhaus hat gesagt…

Schreiben ist Arbeit. Punkt. Das heißt: Schreibzeit ist Arbeitszeit und so wie jeder andere kreativ Arbeitende, brauche ich ungestörte Ruhe in einem geschlossenen Raum. Deshalb mache ich es so wie Sie, liebe Kollegin. Der AB ist an und die Tür geschlossen.
Außerdem halte ich mich an feste Arbeits- (=Schreibzeiten). E-Mails, Twitter, Blogs, Telefonate usw. werden am Morgen erledigt, wenn meine Kreativität für "richtiges" Schreiben ohnehin noch nicht ausreicht. Dann folgen sechs Schreibstunden fast ohne Pause. Allenfalls mache ich mir schnell einen Espresso oder Tee. Wenn es gut läuft und ich noch fit bin, kommen nach dem Abendessen noch eine oder zwei Stunden dazu.
Thats my way ...
Herzliche Grüße von einem Ghost-Kollegen.

Uta hat gesagt…

Prioritäten setzen, egal welcher Aufgabe man sich widmet, ist glaube ich in der Tat ganz wichtig. Männern fällt das leichter, sie fühlen sich nicht für alles zuständig. Wir Frauen hingegen meinen immer noch,alles unter einen Hut bekommen zu müssen und rühmen uns unserer multi-tasking-Talente. Weniger ist manchmal mehr! ;) Gruß, Uta