Freitag, 19. November 2010

Die Rastlosigkeit des Schreibenden

Schreiben ist eine feinmotorische Tätigkeit. Das Texten, Plotten, klar, das verlangt Planung, Kopfschufterei, ist ein großes Ganzes, ein Prozess, zielgerichtet, meistens zumindest. Vergessen wir nur nicht die Hände und Finger, die unser Schreiben ausführen. Sei es mit dem Stift oder an einer Tastatur. Und nein, wir sprechen hier nicht von den Spracherkennungsprogrammen, mit deren Hilfe wir einem Computer unsere Geschichten diktieren können.
Die Motorik ist die Verbindung des Autors mit der Wirklichkeit. Sie schlägt eine Brücke von jenem ätherischen Land, wo die Figuren aus unserem Kopf leben und ihre Schlachten schlagen, zu jenem Kontinent, auf dem wir selbst zu Hause sind: die sogenannte Wirklichekit. Wo unsere Füße stehen, unser Körper sich nährt, wo wir - schreiben. Die Finger übersetzen die Gedanken in Materie. Die Gedanken regen sich in ihnen, ruhelos oftmals, wenn die Geschichte sich aus dem Dunkel zu schälen beginnt. Das Schaffen von Kunstwerken beschreiben die Künstler als "Häutung". Ein Prozess ist im Gange, der sich unaufhaltsam, nach seinem Timing, nach seinen Vorgaben und Naturgesetzen gestaltet. Da lässt sich nicht eingreifen. Die Ruhelosigkeit, das Beben in den Fingern unmittelbar vor der Häutung muss man einfach ertragen. Da helfen weder beruhigende Getränke noch lange Spaziergänge. Die Geburt der Geschichte kündigt sich an, ihrem eigenen Rhythmus folgend, manchmal Tage zuvor, manchmal von einer Minute zur nächsten, und wehe dem Autor, der dann kein Schreibzeug dabeihat. (Nebenbemerkung: Ob ein Schriftsteller wirklich ein Professioneller ist, äußert sich darin, ob er immer Stift und Papier mit sich führt ;))
Meine neuen Geschichten, meine Figuren regen sich zuerst in meinen Fingern. Etwas will raus. Strom fließt. Die Betätigung der Finger auf der Tastatur, der Hand auf dem Papier erdet. Die Motorik schafft die Tatsachen. Habe wieder Bodenhaftung.
Gut so.
Achten Sie auf Ihre Hände!

Kommentare:

Anni Bürkl hat gesagt…

Wie schön - ich erlebe es ähnlich - derzeit mit der Hand schreiben, wegen Rückenschmerzen, die mich auf die Couch verbannten ...

Mariam Kobras hat gesagt…

Interessant, das mit den Fingers. Wäre mir so nie in den Sinn gekommen. Für mich ist es mehr so dass ein Film im Kopf anfängt der überhaupt nicht mehr aufhört. Den ganzen Tag ist er da, und sobald ich nachts aufwache rollt er weiter durch mein Hirn. Die Charaktere meiner Geschichte quatschen mir die ganze Zeit die Ohren ab und bringen mich an Orte die anders aussehen als der, an dem ich gerade bin.
Aber es ist so wie Du sagst: man hat keine Wahl, ob man schreiben will oder nicht. Es zwingt einen.

Friederike Schmöe hat gesagt…

Genau, Mariam! Wache manchmal nachts auf, nehme einen Block, schreibe ein paar Zeilen, weil dann Ideen sprudeln. Nur Notizen, schnelles Hinskizzieren, um nichts zu vergessen. Manchmal nerven die Jungs und Mädels Protagonisten auch ein bisschen - nein, ich mag sie, klar doch ;)

Friederike Schmöe hat gesagt…

Hallo Anni,
gute Besserung!
Bisweilen schreibe ich gern mit der Hand, weil ich dann anders schreibe. Geheimnisse der Kreativität ...

Petra hat gesagt…

Da hast du mich jetzt unwillkürlich zu einem genaueren Blick auf Vaslav Nijinsky inspiriert, über den ich gerade schreibe. Als dem berühmten Tänzer und "Bewegungsmenschen" Bühne und Tanz genommen wurden, brach er ins Malen aus, mit unwahrscheinlich "tänzerischen" Bewegungen. Als er auch davon abgeschnitten wurde, schrieb er in nur wenigen Monaten seine "Tagebücher" in Buchstärke.
Bisher habe ich das Phänomen der Motorik eher auf Tänzer bezogen. Jetzt sehe ich das mit dem Schreiben ganz neu ... danke! (Witzig: Ich kann nicht diktieren, weil mir dann das Fingergefühl fehlt!)

Friederike Schmöe hat gesagt…

Hallo Petra,
ich habe auch noch nie Bücher oder Geschichten diktiert. Ich werde es ausprobieren, um mal rauszufinden, wie und wo es anders ist.
Habe auch das Gefühl, dass hier noch viel mehr zu entdecken ist ...

Online MBa hat gesagt…

Ich wünschte ich hätte dieses Talent, den Film in meinen Kopf auf Papier zu bannen.