Dienstag, 19. Oktober 2010

Haben Sie jemals frei?

Das war eine der intelligentesten Fragen, die mir jemals auf einer Lesung gestellt wurden. Zugegeben, da kommen oft tolle Diskussionen auf, und viele Fragen bleiben im Raum, die ich mit nach Hause nehme, um dort weiterzudenken. Aber auf "Haben Sie jemals frei?" konnte ich ohne Zögern sofort antworten: "Nein. Nie."
Nächste Frage: "Ist das gut oder schlecht?"
Antwort: "Beides."

Ist das so? Tatsächlich sind meine Figuren und Geschichten immer bei mir. Sozusagen Parallelgesellschaften in Reinform, denn ich schreibe ja nie nur ein Buch in einem Zeitraum, sondern mindestens zwei, außerdem gibt es da Kurzgeschichten, die sich aus dem Kokon schälen, ein Buch, das ich gerade für Lesungen aufarbeite und zurechtschnitze, eventuell noch die Fahnen eines Romans, der demnächst in Druck geht, und dann ein Exposé für ein neues Projekt, das abgegeben werden will.
Meine Gedanken kreisen ständig um einen Plot, eine Handlung, eine Wendung in der Geschichte, die sich noch nicht recht krümmen will. Um die Frage, ob ein Kapitel nötig ist oder nicht, und wo das Salz in der Suppe bzw. der Szene verborgen ist. Da ist ein Charakterzug schärfer herauszuarbeiten; das zentrale Lebensproblem einer Figur zu fokussieren; ein passender Übergang zu finden; die eigene Stimme zu klären ...
Man ist nie fertig! Wenn ich das Manuskript endlich abgebe, wenn ich Druckfreigabe erteile, dann habe ich im Hinterkopf: Sorry, Leser, sicher wäre das eine oder andere noch zu verbessern, zu ändern, logischer zu machen, zu kürzen oder zu ergänzen, aber nun ist der Punkt, wo die Überarbeitung das Buch als Ganzes nicht unbedingt besser macht. Sei's drum.

Es ist gut, immer beschäftigt zu sein. Autoren entwickeln die Welt. Sie bauen sie, schmieden und basteln sie, brauen Geschichten und unterhalten damit nicht nur die Leser, sondern auch sich selbst. Ich kenne keine Langeweile. Kann auch ganz gut eine Verspätung in der Bahn ertragen - ich kann ja schreiben, mir was ausdenken, weitergrübeln.

Allerdings: So viele Stimmen im Kopf können anstrengen. Wie es in der wirklichen Welt nervt, wenn zu viele Leute durcheinander reden, so kann es auch beim Schreiben und Fantasieren unangenehm sein, wenn die Figuren sich zu häufig und zu hektisch zu Wort melden. Aber anders als die Typen in der Realität kann man die literarischen Buzzers ganz gut ausschalten. Man beginnt eine neue Geschichte mit neuen Leuten, unbeschriebenen Blättern (!) und lässt mal schnell das Geschrei und die Ideen aufs Papier fließen ...

Kommentare:

Petra hat gesagt…

Darf ich dazu eine Frage der Sorte stellen "Was ich schon immer mal fragen wollte und nie zu fragen wagte"?
Wie macht man das eigentlich mit dem Umschalten, wenn man gleichzeitig zwei Romane schreibt? Bei Sachbüchern kann ich mir das gut vorstellen, aber wie ist das, wenn man so eng mit einer Parallelgesellschaft lebt? Wie gelingt es einem, auf "Knopfdruck" in die Nachbarschaft zu springen?
Neugierige Grüße,
Petra

Friederike Schmöe hat gesagt…

Hallo Petra,
hm, also, ich wechsle zum Beispiel den Ort, schreibe im Café oder in der Bibliothek (dem Laptop sei Dank). Ortswechsel in der physischen Welt sind sehr hilfreich. Oder ich kombiniere ein bestimmtes Projekt mit einer bestimmten Musik, die ich dann höre - dann wechselt man die CD und sackt in die andere Welt ;)Meistens aber ist die Tageszeit entscheidend: Vormittag für Buch 1, Nachmittag für Buch 2.
Liebe Grüße,
Friederike

PvC hat gesagt…

Das sind super Tipps, danke! Vor allem der Ortswechsel gefällt mir.
Irgendein Schriftsteller hat ja fürs Schreiben eines bestimmten Buchs immer einen gewissen Hut aufgesetzt...