Sonntag, 12. September 2010

Stereotype

Sie sind manchmal ganz witzig. Stereotype, meine ich. Es gibt eine ganze Reihe davon, die die nichtschreibende Welt über Schriftsteller hat; bislang finde ich die meisten ganz lustig. Irgendwie sind sie ja ein schöner Anlass, um eine nette Geschichte zu erzählen. Mitunter nerven Stereotype aber auch. Man hat das Gefühl, irgendwie in eine Schublade gesteckt zu werden. Auch damit kann man noch leben, doch wenn die Schublade geschlossen wird und ein Etikett draufklebt, ist alles zu spät. Ursprünglich wollte ich das Thema Kea Laverde überlassen. Als Ghost kann sie, so hoffe ich, durch Wände gehen und die Schublade verlassen, um sich am Tresen im Shamrock ihre rücksichtslosen Gedanken zu machen. Aber sie wollte nicht.
Also muss ich selbst dazu was sagen. Hier sind welche; altbekannte (?) Stereotype über Schriftsteller:


"Autoren schreiben nachts, wie im Rausch. Dazu trinken sie eine Flasche Rotwein."
Uff. Das werde ich mitunter auf Lesungen gefragt. "Schreiben Sie nachts?"
Nein. Nachts schlafe ich. So hoffe ich. Schlaflos Nächte sind nicht so meins.
Schreiben hat mit zielgerichtetem Handeln zu tun, mit Disziplin und mit Durchhaltevermögen. (Nein, das widerspricht nicht dem kreativen Anteil an der schriftstellerischen Arbeit!) Deswegen passt es auch mit dem Alkohol nicht. Mag sein, dass Hemingway gebechert hat, aber die Frage wäre dann, in welchem Stadium er dann schrieb. Ein Glas Wein mal am Abend, um einen ersten Entwurf durchzulesen, das ist was anderes. Aber das Schreiben von Szenen, die - stringent - auf ein Ziel zulaufen sollen, braucht absolute geistige Klarheit.

"Autoren schreiben ein Buch; dazu brauchen sie vielleicht ein Jahr. Dann geben sie das Werk dem Verlag und schreiben ein Neues."
Danke für dieses Stereotyp! Denn es brachte mich zum Nachdenken, was ich eigentlich den ganzen Tag mache ... Also: Ich entwerfe ein Exposé für ein neue Buchprojekt, das bekommen Agentin oder Lektorin. Nach dem OK oder diversen Verbesserungsvorschlägen schreibe ich eine Leseprobe. Auch diese wird überprüft und - möglicherweise nach eingehender Korrektur - für gut befunden. Dann schreibe ich das Buch. Ich recherchiere zu Themen, die das Buch berühren, und verreise auch mal, wenn es nötig ist, um interessante Experten zu befragen oder eine Gegend besser kennenzulernen. Währenddessen beantworte ich Anfragen von Lesern, Veranstaltern, die eine Lesung buchen wollen, organisiere Musiker als Begleitung, plane die Lesungen und bereite sie vor, schicke die zu lesenden Texte an die Musiker, damit die sich auch vorbereiten können. Schließlich fahre ich zur Lesung, lese, übernachte oder fahre nachts heim, und sitze am nächsten Tag wieder am Schreibtisch. Dort schreibe ich neben gruseligen Geschichten auch Rechnungen, tüte sie ein und verschicke sie. Ich erledige jeden Monat meine Buchhaltung und überweise brav die Mehrwertsteuer. Ich blogge und twittere, um mit den Kollegen in Kontakt zu bleiben und mir dort Inspiration zu holen. Nehme am Krimiautorenstammtisch teil. Auf Einladung komme ich zu Signierstunden. Ich bereite meinen Unterricht vor, für die Uni oder für Workshops, halte den Unterricht, muss/darf auch dafür verreisen, im Hotel übernachten, lerne neue Leute kennen und freue mich dran. Am Ende eines Semester bekomme ich stapelweise Arbeiten von Studenten zur Korrektur, die einen Schein haben wollen. Ich nehme immer wieder Kontakt mit Buchhandlungen, Schulen, Büchereien und anderen Leute auf, die als Veranstalter für Workshops oder Lesungen in Frage kommen.
Und dann schreibe ich eben wieder. Schicke den ersten Entwurf an Lektorin oder Agentin. Warte auf Rückmeldung. Arbeite die Vorschläge ein (oder auch nicht).
Zeitgleich plane ich neue Veröffentlichungen. Meistens bin ich mit der Planung ein Jahr voraus. Das Herbstprogramm 2011 sollte im Sommer 2010 schon stehen. Ich erhalte Verträge. Überprüfe und unterzeichne sie. Bekomme Anfragen für Kurzgeschichten und nehme, wenn möglich, alle interessanten Angebote an. In meinem Kalender sind Deadlines rot angestrichen.

"Der Autor schreibt los, wenn ihn die Muse küsst."
Mich hat auch noch nie nur ein einziger Muserich geküsst. Oder doch? Hm ... Also, ich schreibe einfach jeden Tag. Dazu setze ich mich an meinen Schreibtisch und lege los. Das meiste erledige ich sofort am Computer. Erste Entwürfe, kleinere Texte und Alternativen erarbeite ich auch mal auf Papier.

"Krimiautoren sind Leute, die ihre makabren Fantasien rauslassen müssen."
Ich bezweifle, dass Krimischreiber mutiger, abenteuerlustiger oder brutaler sind als andere Menschen. Wahrscheinlich sind wir auch keine furchtlosen Hitzköpfe. Ich denke auch nicht, dass wir mehr Sinn für das Makabre haben als viele andere, die nicht schreiben - aber wir thematisieren es. Wir sagen, zeigen das Unsagbare. "Das ist es, was einen Schreiber ausmacht: Er ist jemand, der die Probleme ein bisschen genauer kennt als andere", erläuterte Eugène Ionesco einmal.

"Was sagt eigentlich Ihr Mann dazu?"
Wozu? Dass ich einem Beruf nachgehe, mit dem ich Geld verdiene?
Vermutlich ist die Frage anders gemeint, und sie kommt meist von Frauen jenseits der 60. Darin klingt an, dass Schreiben etwas Halbseidenes, Skandalträchtiges und - Unnützes hat, das zu ertragen ein Mann schon eine gehörige Portion Toleranz braucht.
Also, mein Mann ist nicht nur ein geschätzter Testleser, sondern der Mensch in meinem Leben, der mich immer ungefragt und ohne Hinterfragen unterstützt. Das musste auch mal gesagt sein.

Also, mal sehen, was Kea von ihrem Stammplatz im Shamrock aus dazu zu sagen hat. Ich lade alle Kolleginnen und Kollegen ein, etwas über die Stereotype zu erzählen, die ihnen um die Ohren gehauen werden!

Kommentare:

Petra hat gesagt…

Da fehlt noch das Wichtigste: Autoren werden ganz schnell berühmt, stinkreich und räkeln sich den ganzen Tag am eigenen Pool, weil sie ja nachts arbeiten ;-)

Das Schlimme an den Stereotypen ist ja, dass es auch immer genug Beispiele dafür gibt. In der Boulevardpresse findet man nur die tatsächlichen Millionäre, die winzige Promillanteile ausmachen. Und wer ein echter Alkoholiker ist, wurde eben auch unter jeder Menge Alkohol berühmt (Dashiell Hammett fällt mir spontan ein), weil er clean nicht ganz so gut funktioniert.

Über die Schwierigkeiten von Schriftstellerinnen mit den althergebrachten Rollenspielchen der Männerwelt gibt es sogar ein wunderbares Buch: "Frauen, die schreiben, leben gefährlich". In der Tat haben die Frauen unter den Künstlern immer noch gößere Probleme als die Männer, dazu gibt es sogar Studien.

Und trotzdem stimmt pauschal eben wieder nichts von alledem. Weil Schriftsteller auch nur Menschen und Individuen sind...

Viel schlimmer finde ich die Frage, die ich sehr oft höre: "Was machst du eigentlich den ganzen Tag, du schreibst doch nur?"

Diandra hat gesagt…

Ich liebe Äußerungen à la: "Ach, du schreibst? Ist ja ganz einfach. Gestern habe ich zwischen Abendessen und Tagesschau eben eine Geschichte für den XYZ-Literaturpreis geschrieben, ich kann das Preisgeld bestimmt gut gebrauchen. Bin ja gespannt, wann sie sich bei mir melden."

ARGL!!!

(Nein, die besagte Bekannte lebt noch.)

Rabenblut hat gesagt…

Liebe Friederike,
beim Lesen der Vorurteile über Schriftsteller stelle ich fest, dass manche bei mir zutreffen, was aber wohl nur daran liegt, dass ich ein Möchtegern bin:
Ich schreibe nachts (allerdings nicht im Alkoholrausch), weil tagsüber kaum ein Mensch dafür Verständnis hat, vor allem keine Kleinkinder. Ich schreibe, wenn die Lust mich überkommt, weil mich ja niemand drängt. Die Welt wartet nicht auf mich.
Und was mein Mann dazu sagt:
"Kommt da irgendwann mal was bei rum?"
Solange Schreiben nur Hobby ist, hat es für alle Welt wirklich etwas Halbseidenes und Unnützes. Traurig aber wahr.
Liebe Grüße,
Nikola

Anni Bürjkl hat gesagt…

Amüsant. :-) Auch ein Klischee ist die Frage "Wieviel müssen Sie denn auf Geheiß des (bösen!) Verlags ändern?"

Übrigens war ich eine der wenigsten Journalistinnen die nicht rauchen und keinen Fernseher besitzen.

Soviel zu Klischees.

Prost! ;-)

Petra A. Bauer hat gesagt…

Zu einem sehr beliebten Autoren-Klischee bekam ich mal einen besonders blöden Kommentar eines Bekannten (jetzt nicht mehr so bekannt *g*) zu hören:

"Sag mal, deine Kommissarin hat ja wohl ein Alkoholproblem." Pause. "Heißt es nicht, dass Autoren meist autobiografisch schreiben?"

Vollpfosten.

Ansonsten ist es wohl wirklich so, dass wir vor allem auf Partys herumgereicht werden und fürs Nichtstun viel verdienen. Oder steht bei euch keine Stretchlimo inklusive Chauffeur vor der Villa?

http://www.flickr.com/photos/writingwoman/3761614410/

;-)