Sonntag, 1. August 2010

Spannungs-Chili

Was ist Spannung? Ich weiß es, und ich weiß es nicht. Ich weiß, wenn ich ein Buch lese, ob es spannend ist - aber ich kann nicht sagen, worin die Spannung eigentlich besteht: Das wohlige Gefühl, wenn wir um Held oder Heldin bangen, was einen zum Wahnsinn treibt, weil man am nächsten Morgen früh aufstehen muss und dennoch nicht aufhören kann zu lesen.
Da gibt es zwar Kriterien, was ein spannendes Buch braucht, aber die Ingredienzien allein machen es nicht aus. Gut gewürzte Speisen sind eben einfach gut, ohne dass man die Quantität und Qualität der Gewürze sezieren könnte. O.k., abgesehen vom Chili. Chili ist der Hype, Chili muss sein!
Buchautoren haben keine Kameraeinstellung, keine gruselige Musik und keine obskure Beleuchtungstechnik. Wir haben nur die Sprache: Wörter, Sätze, Text. Dazu die Dramaturgie, den Plot und das Setting. Spannung ist, wenn ich den Leser in Atem halte. Ich kündige an - und ziehe zurück. Ich füge ein Detail hinzu - und tauche ab. Der Leser denkt: Nun wird es aber geschehen. Das Schlimme, das Entscheidende! Und immer wieder wird er enttäuscht. Da ist kein Monster hinter der Tür, nicht im Keller, nicht auf dem Dachboden, nicht beim Gartenhäuschen; nicht um acht, nicht um halb neun, nicht um zwanzig vor neun. Na gut, denkt der Leser, dann eben nicht. Kawumm! Da steht es, das Monster. Ist aus dem Gulli gekrochen. Um neunzehn vor neun.
Der Leser keucht auf und holt sich ein Bier. Zur Beruhigung. Denn je länger er auf das Monster wartet und es nicht zu Gesicht bekommt, desto größer wird seine Anspannung. Je mehr seine Anspannung ins Leere läuft, desto heftiger klopft sein Herz.
Die Sache mit dem Monster nennt man "erzählerische Dynamik". Sie ist das Chili im Stew, funktioniert, weil sie für offene Möglichkeiten sorgt. Nicht unbedingt für Action, denn Action ist langweilig. Sondern für Fragen, die dem Leser möglichst bis zur letzten Seite nicht beantwortet werden. Denn wir haben ja nur zwei Alternativen: Der Held überlebt - oder er überlebt nicht. Klingt unspektakulär, ist aber hochdramatisch. Wenn es dem Autor jetzt noch gelingt, für eine starke Identifikation des Lesers mit dem Helden zu sorgen, wird das Buch spannend sein; ganz ohne Rezept, ohne Formel. Und über die Zutaten denkt der gefräßige Krimleser ohnehin nicht nach!

Kommentare:

Friederike hat gesagt…

Manchmal wird es aber auch, wenn man zu lange hingehalten wird, langweilig. Ich habe zum Beispiel gerade einen historischen Roman gelesen, da wird ständig betont, in was für einer Gefahr die Akteure doch sind. Sowas nervt dann nur noch!

Ach und noch was: manchmal sind "spannende" Bücher gerade die, die ich nur einmal lesen kann - weil alles auf die Auflösung hinausläuft, und wenn man das Ende kennt, verliert das ganze Buch seinen Reiz.

Viele Grüße,
Friederike

Matthias hat gesagt…

Ich finde in diesem Zusammenhang den von Patricia Highsmith beschriebenen Unterschied zwischen "surprise" und "suspense" sehr wichtig. Bei ersterem tritt ein unerwartetes Ereignis ein, dagegen meint "suspense" die Erwartung eines Ereignisses, das dann nicht eintritt. François Truffaut bittet in seinem Interview-Buch "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?" den Altmeister um ein Beispiel für den Unterschied zwischen "surprise" und "suspense":
Wenn eine versteckte Bombe unter einem Tisch, an dem mehrere Leute frühstücken, plötzlich explodiert, ist dies ein Schreck und unterhält 20 Sekunden lang; wenn der Zuschauer die Lunte jedoch lange brennen sieht und die Figuren nichts davon ahnen, ist dies Suspense und fesselt fünf oder zehn Minuten lang.

Gleiches gilt in der Literatur. Besonders spannend wird es immer, wenn ich als Leser eine bestimmte Erwartung habe, die dann gar nicht oder mit Verzögerung eintritt. Viele moderne Krimis sind für meinen Geschmack zu stark auf den kurzen Knalleffekt ausgerichtet und vergessen dieses psychologische Erwartungsmoment des Lesers.

Viele Grüße
Matthias

Friederike Schmöe hat gesagt…

Hi Friederike,
danke für den Hinweis. Knalleffekte wetzen sich in der Tat schnell ab. In guten Büchern spürt man ja meist noch etwas anderes - sagen mir mal, etwas Tiefes, das nicht vergeht, auch wenn wir es zwanzig Mal lesen. Diese "Lebenskraft" (oder wie nennt man das am besten) ist noch schwerer zu beschreiben als Spannung, und schon gar nicht einfach zu erklären - wieder ein neues Thema für einen Beitrag hier!
Friederike

Friederike Schmöe hat gesagt…

Hallo Matthias,
genau, das Stichwort "Überraschung" kommt mir sehr entgegen. Wie überrascht man den Leser? Manchmal passiert es, dass ich beim Schreiben entgegen diverser Plotpläne von den ursprünglichen Ideen abweiche und spontan eine Wendung fabriziere, von der ich hoffe, dass sie den Leser überrascht. Bisweilen scheinen sich Autoren auch selbst überraschen zu können ...
Gruß,
Friederike