Mittwoch, 11. August 2010

Der köstliche Horror

Delightful horror - das köstliche Entsetzen. Kennen Sie es? Genau, ich auch. Dieses wohlige Kribbeln das Rückgrat hinauf. Die leise Angst, man könnte die Terrassentür offengelassen haben. Wobei Mitternacht längst vorbei ist und der Nachbar von nebenan neuerdings immer so komisch rüberschaut ...
Spannung - Suspense - Thrill. Nervenkitzel, Gänsehaut - warum ist Angst unterhaltsam? Warum genießen wir Krimis? (Ich gehe davon aus, dass die Leser dieses Blogs nicht zu den Menschen gehören, die keine Krimis lesen, weil es ohnehin schon so viel Schlechtes in der Welt gibt; das jedenfalls wäre schon wieder ein neuer Blogbeitrag!) Warum "erleiden" wir freiwillig Schweißausbrüche, beschleunigten Puls, warum halten wir den Atem an, in unserer Freizeit, in unserem Wohnzimmer, auf dem Sofa, zu nachtschlafender Zeit?
Physiologisch gesehen sind echte Angst und Suspense dasselbe. In unserem Körper laufen genau die gleichen Vorgänge ab. Angst ist nichts anderes als Konditionierung. Wir haben gelernt, dass es unangenehm ist, auf die heiße Herdplatte zu fassen, und genauso lernen wir, einen Stimulus, der eigentlich neutral ist (die quietschende Terrassentür) mit einem weiteren Reiz (Gefahr! Eindringling! Sonderbarer Nachbar!) zu verknüpfen, wobei ein konditionierte Reaktion (schnell aufstehen und nachschauen, ob die Terrassentür wirklich noch offen ist) entfacht wird.
Der Reiz kann nun ein echtes Quietschen sein - oder auch nur ein erzähltes Quietschen. (Hier sieht man, wie mächtig die Literatur ist!) Der Reiz (das Quietschen) wandert über das Zentralnervensystem zum Großhirn, von dort zum Hypothalamus, einer kleinen Drüse, die die Meldung an die Nebenniere weitergibt: Alarm! Die Nebennierenrinde mischt die entsprechenden Cocktails zusammen, um dem Menschen Beine zu machen: Halte dich fluchtbereit! Lauf los! Renn! So ähnlich wie ein neurophysiologischer Powerdrink mit einer Menge Adrenalin als Grundsubstanz.
Und das soll man genießen?
Bislang hat meines Erachtens noch niemand befriedigend erklären können, warum wir den Thrill genießen. Meine These geht so: Krimiangst ist zwar neurophysiologisch dasselbe wie echte Angst, aber dennoch eine Simulation. Das Gehirn erkennt das natürlich und freut sich, dass alles nur ein Witz war. Wir legen das Buch beiseite und lachen erleichtert und ein wenig verlegen auf. War ein Gag! Kitzel und Schauer lagen nur zwischen den Buchseiten. Sollte uns jemals in der Wirklichkeit so ein Grusel wiederfahren, haben wir wenigstens schon die Trockenübung hinter uns. Das köstliche Entsetzen - ein Aha-Effekt fürs Hirn.

Kommentare:

Diandra hat gesagt…

Ich denke, es ist in etwa der gleiche Mechanismus wie beim Achterbahnfahren - man genießt die Illusion von Gefahr, weil man genau weiß, dass man selbst ja sicher ist. Das Adrenalin an sich ist ja eine feine Sache... (^v^)

PvC hat gesagt…

Ja, der werte Mr Hitchcock hat diese Fragen um Suspense wunderbar mit einem gewissen Mr. Truffaut im Interview aufgearbeitet, das Buch hab ich mal irgendwo in meinem Blog empfohlen, müsste den Titel suchen. DAS Werk über Suspense.

Ich frage mich, ob da im Hirn wirklich das Gleiche abgeht, denn wenn ich frisch verliebt bin, kann mir auch übel werden, ohne dass ich mich übel fühle. Gleiches Symptom = gleiches Gefühl?
Dann hat Angst ja auch einen positiven Faktor (Überlebensstrategie), der Adrenalinausstoß kann so high machen, dass Soldaten, Bungeespringer etc. süchtig danach werden können.

Ich persönlich glaube, im Buch ist etwas anders als in der Realität: Es gibt Gerechtigkeit und meist keine ungelösten Fälle. Ich weiß also trotz aller Gruselei, dass die Sache gut ausgeht. Die Bösen werden bestraft, das Gute siegt (und Krimis, die das anders machen, haben es sehr schwer und müssen anderes bieten).

Dann habe ich als Leser noch einen Effekt, den der Schaulustige beim Unfall kennt: Es trifft mich nicht, sondern andere. Ich sitze womöglich am Kaminfeuer, bin erleichtert, freue mich noch mehr meines beschützten Lebens.

Thema Schaulustige: Warum empfinden so viele Menschen Lust an der Angst, am Grausamen? Wo liegt die Grenze?

Ob man die Mechanismen untersuchen könnte, indem man diese Formen bricht? Indem man im Buch die Angst nicht auflöst, keine Erholphasen bietet, sondern klar macht: In deinem Wohnzimmer geht das auch bald los?

Friederike Schmöe hat gesagt…

Hallo Petra,

ja, das Irre ist einfach, dass neurophysiologisch tatsächlich kein Unterschied besteht, ob man liest oder in einer nicht-fiktionalen Situation steht; die Zellen machen exakt das Gleiche. Das Thema ist für mich so faszinierend, dass ich dazu einen langen Artikel für eine Fachzeitschrift gemacht habe, der noch dieses Jahr erscheint. Thema: "Sprache und Emotion - Sprache und Spannung". Einfach immer wieder ein Quell der Fragen und Antworten ;)
Friederike

PvC hat gesagt…

Verrätst du Neugierigen, wo sie den Artikel lesen können?
Schöne Grüße,
Petra

Friederike Schmöe hat gesagt…

Die Zeitschrift heißt Germanistische Studien und erscheint im Verlag Universali in Tiflis. Die Nummer 10 kommt Ende dieses Jahres heraus. ISSN 1512-3251. LeserInnen sind immer willkommen ;)
Bestens,
Friederike