Freitag, 9. Juli 2010

Paul der Krake

Ein Deutscher (eingewandert!), den die Welt kennt! Neben Jerome Boateng und Mezud Özil! Die Internetgemeinde zwitschert über ihn. Paul ist der Star auf Youtube. Er bekommt die Aufmerksamkeit, die die schwarz-rot-goldenen Fußballfans so gern anderswo kanalisiert hätten: in einem Finalspiel unter Beteiligung der deutschen Elf. Man muss sich das vorstellen: ein 4 Jahre alter Tintenfisch aus England (!), dessen Intelligenz, wenn man dem Stern glauben darf, der eines Hundes entspricht, bringt Fantasie und Farbe in unseren seit Mittwoch so kläglich zusammengeschrumpften Fußballalltag.
Ich bekomme verblüffte Anrufe von meinen Freunden aus dem Ausland: "What about this octopus of yours?!" Und nun soll er heute um 11 voraussagen, wer das Deutschland-Uruguay-Spiel gewinnt. Na, prost Mahlzeit. Bald braucht Paul einen Bodyguard neben seinem Aquarium. Auf Twitter wird er schon fröhlich tranchiert, die ganze Story schreit einfach nach einem Krimi! Tintenfischkrimis gab es noch nicht, und seit einigen Tagen sinniere ich sowieso über die Zukunft des (deutschen) Krimis. Immer monströser, immer brutaler, immer unwahrscheinlicher ... doch das ist ein anderes Thema.
Der Mensch scheint von all den Statistiken, Expertenprognosen, dem logischen Kombinieren und analytischen Verrechnen von Variablen so erschöpft, dass er sich dem nachtwandlerischen Dahintreiben eines Kraken in einem Oberhauser Aquarium schwelgerisch hingibt. Endlich mal wieder was Versponnenes, ein wenig kreative Einbildung (die auch uns Autoren gut tut, wenn wir in den Minuten des abgeschwächten Bewusstseins vor dem Einschlafen die Ideen für das nächste Buch produzieren) - Paul erinnert uns an die weiche Seite des Denkens, die es uns erlaubt, weit zu schweifen, anstatt nach klaren Handlungsanweisungen, Befehlsketten und Algorithmen zu kalkulieren. Wir bewohnen unsere Gedanken wieder, so wie es dem Menschen eigen ist (dem Computer jedoch nicht), wir wagen spontane, analoge Verknüpfungen, wir spinnen ein bisschen (das steht uns Deutschen gut!), üben uns auf Stufe 1 in einem Anfängerkurs in Esprit de Finesse. Erweitern wir die Intelligenz um das Poetische! Danke, Paul, Tentakeltier!

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Dieser Oktopussi ist der Brüller!