Samstag, 5. Juni 2010

Weichgespült risikolos

Tag, hier spricht wieder mal Kea Laverde, und man traut sich ja bald nichts mehr sagen. Ehrlich, ich bin froh, dass ich vornehmlich schreibe, nicht rede, und mich dabei hinter dem Namen meines Klienten unsichtbar mache. Denn das Netz, die Feuilletons und Kolumnen tranchieren rasant, was auch nur einmal den Mund auftut. Alle Welt verlangt Individualität, rebelliert gegen Konfektionsware, wobei, "rebellieren", das tut keiner mehr, nicht mal die Jugend. Studenten, so habe ich mir sagen lassen, kümmern sich heutzutage mehr um ihre Frisuren und um Creditpoints als um Politik. Nein, Rebellion ist zu gefährlich fürs Image, man könnte Ärger kriegen, denn Revolutionäre kommen selten mit einem blauen Auge davon. Also, man mosert, meckert, schmollt, mäkelt, nörgelt, gönnerhaft selbstverständlich, denn man will sich keine Blöße geben und als Freund der Menschheit daherkommen. Aber einen anderen niedermachen, indem man ihm/ihr attestiert, er/sie wäre ganz nett, ganz o.k., klar, hätte auch ernsthaften Arbeitseifer (Horst Köhler) und träfe auch durchaus manchmal den Ton (Lena) und man ließe ihn/sie ruhig machen, denn blamieren würde er/sie sich ja selber - nee, tut mir leid, da setzt es bei mir aus. Austeilen, ohne sich selbst in Gefahr zu begeben, einen Säbelstreich einstecken zu müssen, das war schon im Kindergarten unfair.
Als Ghost muss ich außerdem sagen: Es befördert einen Ton, den die Sprache nicht verdient hat. Nichts Pointiertes mehr, nichts Knackiges, nichts Klares, nichts Bestechendes. Ein Klang, der immer grell heraussticht, aber demjenigen, der ihn ausschickt, nicht wehtut. Sätze wie aus dem 1-€-Shop. Essayisten, wo seid ihr? Alle bei Twitter hängengeblieben? Baden in Banalität, keilen unterhalb des Gürtels? Geht's auch mal sachlich, mit Verstand? Teilt jeder nur noch seinen Senf aus, ohne im Zweifel auch mal die Senfsuppe leerzulöffeln? Hallo, sind da draußen noch Leute, die denken, und zwar länger als eine halbe Sekunde? Oder melden sich nur mehr die Beleidigten zu Wort? Aber eben immer abgesichert, weil weichgespült?
Ich klinke mich jetzt aus aus der Diskussion. Hocke im Shamrock an der Theke mit meinem Netbook und ghoste die Biografie eines ... aber das geht Sie nichts an!
Mit Verlaub.
Ihre Kea Laverde

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