Donnerstag, 14. Januar 2010

Zeitzeugen

Für "Bisduvergisst" habe ich zum ersten Mal in meiner Krimiautorenkarriere Zeitzeugen gesucht. Also Leute, die eine Zeit miterlebt, durchgehalten haben, die vergangen ist - wenn man "Zeitzeuge" mal so definieren möchte. Zum ersten Mal war ich ein klein wenig Kea Laverde, saß in Wohnzimmern vor Kaffee und Keksen, das dicke DIN A 4-Notizbuch auf dem Schoß, und arbeitete mich in fremde, aber wirkliche Leben vor. (Nicht, dass ich mit meinen Romanfiguren keine Interviews führen würde, doch dabei bin ich mit meiner Fantasie allein und ungestört.)
Nein, meine Zeitzeugen wollen nicht genannt werden. Sie haben ihre Pflicht und Schuldigkeit getan, indem sie mich in eine mir fremde Epoche einführten. Genauer gesagt in den Frühling des Jahres 1945. Das Kriegsende stand kurz bevor. Man hatte die unterschiedlichsten Hoffnungen. Bücher sind darüber genug erschienen, Fernsehsendungen wurden ausgestrahlt. Aber lebendige Menschen erzählen eben anders. Ihre Geschichten sind nicht aufbereitet, nicht didaktisiert, nicht durch viele Filter gegangen. Sie stecken voller Wiederholungen, schwarzer Löcher, Ungereimtheiten. Erinnerungen fluten plötzlich herbei, ungefragt, ungewollt. Da kommen keine Informationen, wie wir sie im Internet abrufen können. Da kommt vor allem eins: ein ICH. Individuelle Gefühle und Erlebnisse, Hoffnungen und Ängste.
So basiert Keas vierter Fall "Bisduvergisst" zu Teilen auf einer wahren Begebenheit. Ghost Kea schreibt die Autobiografie einer Frau, die an Demenz erkrankt ist und ihre Lebensgeschichte für ihre Enkelin retten will. Und bald entdeckt Kea, wieviel Verdrängung, Verzweiflung, welche Schuldgefühle sich in einem Menschen stauen können.
Der Roman ist ein Produkt der Fantasie. Aber die Lebensgeschichte, die Kea verfasst, hätte so passieren können. Und Sie hätte jedem von uns zustoßen können, wenn wir damals gelebt hätten ...

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