Donnerstag, 7. Januar 2010

Über Käuflichkeit

Hallo, hier spricht Kea Laverde,
und ich sitze im Shamrock, und nein, ich verrate Ihnen immer noch nicht, wo das ist, denn meinen Lieblingspub will ich für mich haben.
Allerdings hatte ich hier neulich eine ziemlich unerfreuliche Diskussion am Tresen!
Normalerweise wird man im Shamrock in Ruhe gelassen. Die Stammgäste kennen sich und gönnen einander das bisschen Frieden bei einem Guinness. Doch mitunter flattert ein Vogel in den Pub, der besser anderswo genistet hätte, und das passierte neulich.
"Ghostwriterin? Hä? Die Prostituierten unter den Schmierfinken? Machen, was der Kunde will, handeln alles vorher aus, verdrehen die Wahrheit, liefern, was gewünscht wird."
Bums, da hatte ich den Salat. Für diesen Heini war ich nicht nur ein Geist, unsichtbar, verborgen hinter den Masken und Fassaden meiner Brötchengeber, sondern auch noch Hure. Schreibure. Sollte ich mal auf dem nächsten Formblatt angeben, auf dem nach meinem Beruf gefragt wird. Nur so, um die Reaktionen zu testen.
Ghostwriter gelten als käuflich. Da rümpfen sich Nasen, als täten wir etwas Illegales, wie die bestechlichen Anzugträger in den schicken Etagen der Bankhäuser. Bloß: Bei denen gehört Korruption zur Corporate Identity. Nicht bei uns Geistern. Meine berufliche Identität definiert sich über völlige Unsichtbarkeit, Zuverlässigkeit und Diskretion.
Der Kunde will einen Text? Ich schreibe ihn. Er will mehr Adjektive? Er bekommt sie. Er braucht noch ein paar seelische Streicheleinheiten? Ich pinsele ihm den Bauch. Meistens haben meine Auftraggeber es schon selbst probiert mit ihrem Buch und sind kläglich gescheitert. Sie haben ein Problem (wenn es denn nur eines wäre!): Ein Problem mit den Verben, ein Problem mit der Gliederung, ein Problem mit dem Rechner. Ich löse diese Probleme und liefere einen lesbaren Text. Das tut ein Geist. Gegen Geld. Mehr tut er nicht.
Also, liebe Frömmler unter den Kulturfreaks, Studienräte und Literaturwissenschaftler, für die ehrlich bezahlte Schreibarbeit gleichbedeutend ist mit Käuflichkeit! Mag sein, dass ihr Schreiben gegen Geld promiskuitiv findet. Die meisten Menschen nehmen ihre eigenen Überzeugungen ja so wichtig, dass sie irgendwann von ihnen regiert werden. Wie der Vogel neulich im Shamrock. Ich habe ihn reden lassen und mich dann meinem Guinness zugewandt. Den Typen einfach nicht mehr beachtet.
Manches kann man nicht ernst nehmen.
Denken Sie dran, bevor Sie sich das nächste Mal grün und blau ärgern.
Ihre
Kea Laverde

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