Dienstag, 24. November 2009

Warten auf die Wörter

Je näher man ein Wort anschaut, desto ferner schaut es zurück. Sagte Karl Kraus. In Schreibseminaren schlagen sich manche Teilnehmer den Kopf an der Wand wund, um das eine, passende Wort zu finden. Mark Twain sagte: "Der Unterschied zwischen dem passenden Wort und dem beinahe passende Wort ist wie der Unterschied zwischen Blitz und Glühwürmchen." Zitat Ende. Er hatte ja recht, der Mark Twain, und er hat überhaupt an der Sprache noch sehr viel Bemerkenswertes festgestellt. Aber Blitze (um bei diesem Bild zu bleiben) kann man nicht machen. Genausowenig wie man beschließen kann, in den folgenden drei Stunden zwei Geistesblitze zu haben.
Suchen Sie das passende Wort?
Nehmen Sie das erstbeste, das Ihnen einfällt, sofern es anschaulich ist und halbwegs auf das zutrifft, was Sie sagen wollen. Suchen Sie nicht nach Wörtern wie nach Ostereiern. Denn Wörter, die noch nicht aus unserem Kopf hervorgekrochen sind, haben die Angewohnheit, sich sehr effektiv zu verstecken. Dazu bietet das menschliche Gehirn mit allen seinen Furchen und Windungen im Dunkel des Schädels auch mehr als genug Gelegenheiten. Wörter sind Meister der Camouflage. Alle kennen wir das Gefühl, ein Wort auf der Zunge liegen zu haben. Aber es lässt sich weder aussprechen noch aufschreiben. Die Zunge wird richtig taub während der irrationalen Suche nach dem richtigen Wort. Wörter sind unzuverlässige Gesellen. Sagen wir, sie sind Künstlertypen. Sie kommen, wenn es ihnen passt, aber dann haben wir sofort Vertrauen zu ihnen. Und, ehrlich: Ich habe Respekt vor Blitzen, aber mit Glühwürmchen komme ich auch ziemlich gut aus.

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