Mittwoch, 4. November 2009

Über Mut

Wie gewohnt entfalten sich die interessantesten Gespräche nicht im Plenum, zB während eines Workshops oder einer Tagung, sondern da, wo man mal eben nebenraus gegangen ist. (Und NEIN, ich meine nicht die Besenkammer!) So sprachen wir während eines Seminars zum "wissenschaftlichen Schreiben" in einer Ecke stehend über Mut.
Tatsächlich geht es beim Schreiben immer um Mut. Denn sobald auch nur ein Wort auf dem makellosen weißen Blatt oder Bildschirm erscheint, bin ich konfrontiert mit meiner eigenen Schwäche, meinem Unvermögen, dem fiesen kleinen Zensor im Kopf, genau, ich meine den mit dem grauen Anzug und dem pomadigen Haar, und der wedelt sofort mit dem Zeigefinger, mäkelt und nörgelt, schüttelt in Zeitlupentempo den Kopf und erinnert uns an unsere Lehrer. (Genau, und an die ersten, dramatischen Demütigungen unseres Lebens, die uns heute noch als schlappschwänziger Selbstwert nachhängen.)
Mut also. Wie oft habe ich in Schreib-Seminaren den Satz gehört: "Ich habe echt ne Menge Storys im Kopf und ich wollte immer mal einen Roman schreiben, aber ich habe einfach keine Zeit!" Pustekuchen, meine Lieben. Ersetzt "Zeit" durch "Mut", und Ihr seid der Wahrheit einen gewaltigen Schritt näher gekommen. Denn es geht immer um MUT. Zeit hat jeder, 24 Stunden am Tag, die stehen allen zu. Keiner hat mehr, keiner hat weniger. Aber Mut ist, wenn man sich hinsetzt, den Stift zückt und ein neu gekauftes Notizbuch versaut. Sich - sagen wir mal eine halbe Stunde am Tag - mit den eigenen Gedanken konfrontiert und feststellt: He, das kommt ja so ganz anders rüber, als ich wollte. Wenn man mit einer Hand schreibt und mit der anderen dem Zensor im grauen Anzug den Mund zuhält. Wenn man eine ganze Woche für 30 Minuten am Tag durchhält und sich nicht ablenken lässt, nicht Kaffee kochen geht, nicht anfängt, eine isländische Torte zu backen (bei Prüflingen ist dieses Ausweichmanöver sehr beliebt, denn isländische Torten sind so ziemlich die aufwendigsten Torten der Welt), nicht plötzlich feststellt, dass das Bad schon seit einem Monat nicht mehr geputzt wurde, und mit Wischmop und Desinfektionsspray ausrückt. Wenn Sie das schaffen, sind Sie ein mutiger Mensch. Strecken Sie anmutig den rechten Arm aus, führen Sie ihn in einem weiten Bogen zur linken Schulter und klopfen Sie zärtlich dreimal drauf: Eigenlob stinkt nicht, und ein anderer tut's eh nicht für Sie. Weder schreiben noch loben. Sie haben eine Woche lang jeden Tag eine halbe Stunde geschrieben: Sie sind ein mutiger Mensch.
(So ganz nebenbei: Das Bad hätten sie ohnehin geputzt, spätestens wenn die Schwiegermutter sich ankündigt ...)

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