Freitag, 13. November 2009

Über Frust

Ich hätte früher nie gedacht, dass Autoren v.a. eines brauchen: eine hohe Frusttoleranz. Da wir Schriftsteller unsere Produkte permanent einem Publikum überlassen, setzen wir uns auch beständiger Kritik aus. Kritik war früher mal eine Kunst, doch mittlerweile ist es eine feindliche Gesinnung geworden. Dabei lernen wir ja vor allem durch eine konstruktive, also gut begründete Kritik. Neulich nun habe ich eine Kollegin frustriert. Sie hatte mich um Kritik gebeten, ich habe ihren Text sorgfältig studiert und mir eine Menge Gedanken gemacht. Da sollte mehr Spannung rein, meinte ich, und manche Wendungen in der Handlung sind nicht ganz plausibel. Ich habe alles mit den entsprechenden Textstellen untermauert und auch einiges Positive dazunotiert: Dass ich die Figuren gut vorstellbar finde, und dass die Dialoge viel Witz enthalten. Dennoch war meine Kollegin frustriert, bejammerte die hunderte von Stunden, die sie mit ihrem Romanentwurf zugebracht hatte, und war der Ansicht, sie könne alles in die Tonne kloppen. Frustration trotz sachlicher Kritik, die eigentlich weiterhelfen soll?
Ja, so fühlt sich das manchmal an. Da muss man durch. Hilft alles nichts. Die Texte ein paar Tage liegen lassen und dann nochmal mit neuem Blick nachdenken. Sich in den Leser hineinversetzen und sich fragen: Wie kann ich diesem sympathischen Typen, der auf seinem Sofa lümmelt und meinen Krimi liest, noch mehr Lesevergnügen zuschanzen? Mit dieser Einstellungen ist die Frustphase leichter zu ertragen. Alles, was dazu dient, einen Text besser zu machen, ist immer ein Gewinn. Vielleicht, liebe Kollegen, tröstet das jeden von uns, wenn das Dunkel des Frustration uns gerade zu verschlingen droht ... Und außerdem sind wir doch Profis!

Keine Kommentare: